Hier schreibe ich über 
Bücher, anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...




Deana Zinßmeister

Das Auge von Licentia

Jugendbuch

Für die einen ist es wie im Mittelalter, das Leben mit Wölfen und einfachen Gerätschaften, für die anderen eine Reality-Show; "Das Auge von Licentia" ist das erste Jugendbuch von Deana Zinßmeister. Sehr gekonnt verbindet die Autorin beide Welten, die voyeuristische Fernsehwelt mit einer zarten Liebesgeschichte. Man merkt wie immer bei all ihren Romanen, dass sie gründlich recherchiert hat, ob Drohnen oder der Umgang mit Wölfen, alles ist stimmig eingefügt. Bis sich das Geheimnis von Licentia lüftet, steigert sie die Spannung von Seite zu Seite und entlässt die Leser atemlos staunend. 

Buchinfos: 
Arena Verlag, Hardcover, 320 S. 







João Ricardo Pedro
Roman

Wenn du unbedingt barfuß laufen willst, dann lasse ich dir Hufe anschmieden wie bei meinen Mauleseln, sagte Duartes Großvater zu Duartes Vater, als er noch ein Kind war. Sein Vater lief am liebsten barfuß, doch das wurde nicht geduldet. Bis er von einem Hund gebissen wird, grausam bestraft wird und sich dafür an dem Hund rächt.  
Es gibt starke Bilder in dem aus dem portugiesischen übersetzten Roman. Diese Bilder sind ineinander verschachtelt und der Leser muss ich darauf einlassen, die Episoden springen anfangs wie Gedanken ohne Zusammenhang. Die Geschichte schweift mal hier, mal da hin, scheint zu entgleiten und fügt sich an unerwarteter Stelle wieder zusammen. Beim Lesen hat man das Gefühl ein Beobachter nahe eines Dorfes zu sein, dessen Bewohner keinen Eindringling dulden. Gewalt und Willkür, Sturheit, Mut und Trotz, innerhalb der Familie Mendes, Großvater, Vater, Sohn. Nicht alle Fäden werden zu Ende erzählt, so als würde sie der titelgebende Wind davontragen. Über allem schwebt die Musik, die der jüngste der Familie, ein begabter Klavierspielr, in sich trägt. Ein literarischer Roman mit einer feinsinnigen Sprache, der, wenn man sich darauf einlässt, in eine magisch-realistische Welt entführt.



Tiffany Watt Smith
Das Buch der Gefühle

Nach dem Lesen dieses Nachschlagewerks weiß man endlich, wie das heißt, was man gerade fühlt. Die Autorin hat versucht sämtliche Emotionen zu sammeln und wie Pilzsorten zu bestimmen. Darunter ist bekanntes, wie Liebe, Angst, Enttäuschung und Euphorie, und nie gehörtes (wenn vielleicht schon oft gefühltes) wie Matutolypea (Morgenmuffeligkeit) und Ruinenlust (die unwiderstehliche Anziehungskraft, die Ruinen auf uns ausüben). Das besondere des Buches ist, nicht nur die Fülle an aufgespürter Raritäten der Gefühlswelt, sondern wie die Autorin die Regungen des Inneren darstellt. Tiffany Watt Smith erzählt Geschichten über Gefühle und wie sie sich verändern. Sie beginnt mit einem Wolkenmaler. Für John Constable war der Himmel voller Emotionen, die er festhalten wollte. 



JohnConstable, The Yorck Projekt. Quelle Wikipedia


Danach erklärt sie was Emotionen überhaupt sind und wer sie erfunden hat. Ein wunderbares Buch und eine große Inspiration, nicht nur für jene, die schon lange wissen wollten, wie man dieses behagliche Gefühl zwischen Geborgenheit und Genießen nennt, vielleicht mit einem Buch in der Hand, während man in einen spannenden Roman eintaucht…steht auf Seite 135 und heißt in vielen Ländern anders.

Buchinfos: dtv Verlag, Hardcover, 384 S.



Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
Roman

„Der Kochschinken glänzte und hatte fleckige Erhebungen, die aussahen wie schlecht verheilte Impfnarben.“ (S. 38). Skurril und sprachgewaltig, mit vielen originellen Einfällen stellt uns hier die Autorin Mariana Leky ein Dorf im Westerwald vor, das von seinem Zusammenhalt, trotz extravaganter Bewohner lebt. Die Ich-Erzählerin Luise ist anfangs noch ein Kind, innig verbunden mit ihrem gleichaltrigen besten Freund. Aus ihrer Perspektive entdeckt sie die innere und äußere Welt, dank Optiker (der in ihre Oma verliebt ist, es aber ihr nicht sagen kann) und ihrem Vater, der alle pausenlos dazu auffordert „mehr Welt reinzulassen“. Aber die treibende Kraft im Dorf ist Selma, Luises Großmutter, denn sie hat die Gabe (oder Macht) vorherzusehen, wer als nächstes stirbt. Nun fürchten alle, dass sie die Geträumten sind und treffen Vorbereitungen. Doch dies ist kein Roman voller Angst, auch wenn Traurigkeit und „Verstocktheit“ einen großen Raum einnehmen, es ist eine Geschichte voller Zärtlichkeit und Platz fürs Anderssein, für die Wahrnehmung der Eigenheiten, die den Charakter formen und uns zu Persönlichkeiten machen.

Buchinfos: DuMont Verlag, Hardcover



Antje Damm
Und plötzlich war Lysander da
Bilderbuch

Die Bilderbuchkünstlerin Antje Damm, die mich auch schon mit ihren großartigen Mitmachbüchern für Kinder begeisterte, baut hier eigene Kulissen für ihre Illustrationen. Sie hebt also die Zeichnungen auf eine weitere Ebene, diesmal die Welt unter der Erde. In die Mausewohnung wachsen Wurzeln, aber es brennen auch Kerzen und, o Wunder, am Ende grünt und blüht es sogar. Das haben die Mäuse Lysander, dem Lurch zu verdanken, der aus Dreck Fantasie macht. Eine zauberhafte Geschichte um die Angst vor Fremden und die Bereicherung, die der Einlass in andere Lebenswelten darstellen kann.



Buchinfos: Moritz Verlag, Hardcover, A4 Format, 36 Seiten





Anja Dollinger
Walter Moers
Zamonien
Entdeckungsreise durch einen phantastischen Kontinent
Von A wie Anagrom Ataf bis Z wie Zamonin

Endlich ein Lexikon, das die bisher erschienenen Bücher von Walter Moers zusammenfasst, zum schnellen Nachschlagen, wer ist wer in den Romanen oder zum langsamen Genießen, der wunderbaren Einfälle und Illustrationen. Das Vorher-Nachher zum Beispiel Echo aus „Der Schrecksenmeister“, also die Kratze halb verhungert und dann gemästet. Oder die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit über Hildegunst von Mythenmetz, samt seiner literarischen Erfindungen. Oder die einzelnen Wunder aus Kapt‘n Blaubär, Dimensionslöcher & Co. Die 6 häufigsten Wolpertinger-Rassen und ihre wichtigsten Charaktermerkmale oder eine Karte, die die telepathische Kommunikation in Zamonien erklärt.

Ein Buch für Fans, die sich alle Einzelheiten anders zusammengefasst, nochmal zu Gemüte führen wollen und ein Buch für Neulinge, die noch Fans werden wollen. 

Buchinfos: Knaus Verlag, Hardcover, mit vielen s/w Abbildungen


Anne Brouillard
Im Land der Chintier
Der große Wald
Bilderbuch

Trotz der verheißungsvollen Landkarte, die uns Betrachter in das Land der Chintier einlädt, geht es in der Geschichte wenig magisch zu. Der schwarze Hund Killiok, der wegen seiner nilpferdartigen Form an die Mumins von Tove Jansson erinnert, sitzt beim Kaffeetrinken in seinem gemütlichen Haus und schaut in den Regen, „der das Land überflutet.“ Doch was ist der schönste Genuss, ohne einen Freund. Er vermisst Vari von Drunter, von dem er schon seit dem Frühling nichts mehr gehört hat. Killiok lebt in Chintia, dem fantastischen Kontinent, der aus lauter Inseln besteht, die schlichte Bezeichnungen wie feuchtes Land, eisiges Land oder verschwundenes Land tragen. Dort wohnt auch Veronika, an die sich der traurige Hund wendet. Sie ist halb Mädchen, halb Frau, auf manchen Bildern meint man, dass sie hautfarbene Gummistiefel trägt, dann ist sie barfuß. Die belgische Zeichnerin Anne Brouillard nimmt es nicht so genau, mit flottem Strich hält sie eher Stimmungen fest. Hier geht es nicht so sehr um die Handlung, sondern das Setting, der Spaß an der Darstellung. Darum geraten geraten Killiok und Veronika auf der Suche durch den großen Wald auch nicht in Gefahr, sie treffen zwar einige ungewöhnliche Reisende, eine mysteriöse Katze, Mooskinder, Zwillinge, die ihre Lebensgeschichte mit sich schleppen, aber das war es dann auch schon mit dem Abenteuer – nichts hat Auswirkungen oder ist miteinander verwoben und schwupp ist der vermisste Freund gefunden. Eine schlichte Geschichte, die im Großformat farbig schöne Stimmungen enthält, den Leser aber trotz Comicelemente, in denen es leider keine weitere Ebene zu entdecken gibt, ratlos entlässt.

Buchinfos: Moritz Verlag, Hardcover, Großformat, 80 S.




Markus Orths
Max
Roman

Allein das Cover ist großartig, drei gemalte Buchstaben, das reicht um zu assoziieren, um wen es geht. Der Maler und Bildhauer Max Ernst faszinierte mich von Kindheit an, seine surrealen Bilder, seine Collagen, seine Frottagen. Dann die interessanten Frauen, Peggy Guggenheim, Leonora Carrington, Dorothea Thanning. Meist selbst Künstlerinnen, die seine Geliebten und manchmal Ehefrauen wurden. Jede erhält hier ihren Raum, darf sich entfalten. So hat der Autor, Markus Orths, seine Kapitel nach den Frauen benannt: Lou, Galapaul (in diesem Namen steht Max Ernst’s bester Freund Paul Èluard), Marie-Berthe, Leonora, Peggy und Dorothea.

Dass Markus Orths aus Max Ernst’s Leben einen über 500 Seiten starken Roman gemacht hat, hat mich sofort begeistert. Umspannt doch Ernst‘s Leben beide Weltkriege und Reisen um die halbe Welt. Dieses Buch erzählt von Freiheit, Kunst, Wahnsinn, Heimat, heißt es im Klappentext. Quasi allem, mit dem man sich im Leben auseinandersetzt. Fehlt noch die Familie, die Bindungen, die man eingeht oder durchtrennt. Max Ernst hatte einen Sohn, den er vernachlässigte und bei seiner jüdischen Mutter zurückließ, die 1944 von den Nazis ermordet wurde.


Der Roman beginnt fast am Ende in Amerika, in der Nähe eines Hopi-Reservats, geht zurück in Max Ernst’s Kindheit und sein Werden zum Künstler, die Auseinandersetzung mit dem strengen Vater, der auch ein Maler war. Aber im Gegensatz zu seinem Vater, der versucht die Natur exakt abzubilden, notfalls einen Ast des Modell-Baums abbricht, wenn der nicht zur Komposition passt, malt Max auch die innere Welt. Er malte stets mit einem offenen und einem geschlossenen Auge. Max begegnet den anderen Größen der Malerei der Moderne, u. a. August Macke, der wie er die Kalauer um seinen Nachnamen satthat. „Können heißt Gestaltenkönnen. Das innere Leben der Farben und Linien empfinden.“ (Zitat S. 35) Max Ernst bricht das Kunstgeschichtsstudium ab, verliebt sich in die junge, anerkannte Kunstkritikerin Lou, in das Sommersprossige ihres Wesens. (S. 43) Setzt sich zusammen mit seinem Freund Hans Arp und einer Künstlergruppe mit der Kunst an sich auseinander, wird Miterschaffer des Dadaismus und des Surrealismus. Was genau der Künstler schaffe, sei zweitrangig. Wie er es schaffe, darum gehe es. (S. 45)

Markus Orths lässt das vergangene Jahrhundert wiederauferstehen, mit all seiner Tragik, seinen Grausamkeiten, aber auch mit Hoffnung und Schönheit. Der Autor hat nicht nur genau recherchiert, (s. im ausführlichen Anhang mit endlich mal benutzerfreundlichen Literatur- und Filmhinweisen) er fühlt sich in jede Figur ein, erweckt sie zum Leben. Kein Charakter gleicht dem anderen, jeder hat seine Eigenheiten. Trotz der vielen Seiten, gibt es nichts Überflüssiges in dem Roman, im Gegenteil, man hofft, der Weitsinn und die Fantasie möge auch mit dem Tod von Max Ernst nicht enden. In der Tat, Orths schafft es in den letzten beiden Kapiteln noch zu verblüffen.

Dieser Roman gehört fortan zu meinen Lieblingsbüchern, ein Glück, dass Markus Orths schon viele weitere Romane geschrieben hat, die ich nun lesen werde.


Markus Orths liest aus "Max".

Hier gehts zu weiteren Infos zu Buch und Autor.  

Hanser Verlag, Hardcover, 576 Seiten





Friedrich Ani
Die Ermordung des Glücks
Ein Fall für Jakob Franck
Roman

Dunkel war’s, es regnete unaufhörlich, und der Regen und sein Mittäter, der Wind, verwischten alle Spuren, war’s nicht so? (Zitat S. 37) 
Eigen und genau darum so gut schreibt Friedrich Ani, von dem ich fast alles gelesen habe. Angefangen bei seiner großartigen Süden-Reihe, dann zurück durch seine anderen Romane und auch seine Gedichte, die ich auch sehr mag. Hier schreibt ein Poet und Sprachkünstler Krimis. Genau mein Geschmack. Nach „Der namenlose Tag“, dem ersten Fall mit Ermittler Jakob Franck, entfaltet sich dieser Roman in größtmöglicher Tragik. Ein Kind, der 11jährige Lennard Grabbe ist tot. Der Exkommissar Jakob Franck überbringt den Eltern die Todesbotschaft. Seit seiner Pensionierung übernimmt er immer noch diesen Part für die Polizei. Der Roman handelt von den Auswirkungen, wenn ein Kind stirbt. Bis wir erfahren, wer den Jungen ermordet hat, sind wir mit mehreren Lebensgeschichten vertraut. Tanja Grabbe stand im Kinderzimmer, das keines mehr war.  (S. 54) 
Kunstvoll verzahnt Friedrich Ani die Schicksale, Monologe, Lebensbeichten und Intrigen. Und wir dürfen beim Lesen die Metaphern, Sprachschöpfungen und literarischen Anspielungen genießen, die ungewöhnliche Bilder in uns wecken, den Blick weiten. Jakob Franck beschäftigt sich zum ersten Mal auch mit dem Zusammenprall von Ereignissen unterschiedlicher Verbrechen und fragt sich, ob er darin einen geheimen Hinweis finden kann. Doch bis er „das Fossil“, also das entscheidende Puzzlestück findet, um den Fall des ermordeten Jungen aufzuklären, muss er noch einige Ereignisse einordnen oder wie Ani schreibt „in einen Rahmen bringen.“  
Ani lese man am besten mit einem Bleistift und jede Menge Klebezetteln zum schnellen Wiederfinden der bemerkenswerten Stellen. Ein Buch, das lange nachklingt.

Buchinfos: Suhrkamp Verlag, Hardcover 2017




Hier liest Friedrich Ani die ersten zehn Seiten aus dem Roman. 
Und hier geht es zum Suhrkamp Verlag und weiteren Infos zum Buch. 





Walter Moers
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Roman mit farbigen Illustrationen von Lydia Rode

Wo es für andere hieß, es sei noch nicht aller Tage Abend, sagt Prinzessin Dylia: Es ist noch nicht aller Nächte Morgen. (Zitat, S. 35) Dylia ist rund um die Uhr wach und hält den Hofstaat samt Leibärzten auf Trab. Doch sie macht das beste aus ihrer Schlaflosigkeit, sie fantasiert im positiven Sinne, schöpft und erschafft. Selbst unter den langweiligsten Bedingungen langweilt sie sich nicht. Sie liebt die Sprache und übt sich im Übersetzen, d. h. sie ersetzt ein Wort oder einen Buchstaben durch andere. Oder sie ordnet ihre Träume, was so unmöglich ist wie ein „Hemd unter Wasser bügeln“. (Zitat S. 58) Eines Nachts, als sie gerade ihrer Gehirnmusik lauscht und sich ein Gedicht herbeiruft, passiert es. Ein Nachtmahr hockt auf ihr und nimmt ihr die Luft.
Mir kam die Szene bekannt vor, Moers macht eine Hommage an die Albtraum-Gemälde des Malers Johann Heinrich Füssli (1741-1825). 

The Nightmare von Johann Heinrich Füssli
Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli


Füsslis Nachtmahr hockt wie bei ihm auf einer Frau, mal als Affe, mal mehr als kleiner Mann. Die Illustratorin Lydia Rode zeichnet eine Mischung aus beiden und erschafft den einzigartigen „Havarius Opal“. Der Gnom schildert der übernächtigten Prinzessin in sämtlichen Nuancen wie er sie in den folgenden Seiten in den Wahnsinn treiben wird. Wir, die süchtigen Moers-LeserInnen wissen aber bereits, dass jeder, ob Nachtmahr oder grusliger Opa Metus, sich an Prinzessin Dylia die Zähne ausbeißen wird (sofern vorhanden). Wir waren ja bereits auf den ersten fünfzig Seiten bei ihr zu Gast, tauchten in ihre fantastische Welt voller Gehirnmusik, zamonischer Wortschöpfungen, Träume von A bis Z ein, sodass wir fast mehr um den Nachtmahr bangen, als um die gewappnete Prinzessin. Ihr würde es selbst in Gefangenschaft nicht langweilig werden. Sie kann mit Lichtgeschwindigkeit auf einem Teppich aus gesponnenen Traumfäden durch das Universum reisen, dabei aber völlig entspannt im Lieblingssessel sitzen und mit abgespreiztem Finger perfekt temperierten grünen Tee aus einer hauchdünnenTasse aus florinthischem Porzellan schlürfen. (Zitat, S. 25) Und dann beginnt die abenteuerliche Reise in Dylias Gehirn.

Walter Moers nimmt sich Zeit, entschleunigt  das Lesen. Das ist Schreibkunst vom Feinsten. Für mich war es der erste „Moers“, welch Glück, dass ich jetzt noch so viele Bücher (ob Zamonien oder nicht) vor mir habe. Diesen Roman hat er zum ersten Mal nicht selbst illustriert, er entstand im Austausch mit Lydia Rode. Ihre zarten Aquarelle schillern durch den Text oder schlagen Purzelbäume zwischen den Zeilen. Im Nachwort schreibt er von der seltsamen Krankheit der Illustratorin, Dylia ist wohl nicht zufällig ein Palindrom.

Buchinfos:
Knaus Verlag, Hardcover und Ebook, 338 Seiten





Jens Henrik Jensen 
Oxen, das erste Opfer
Thriller

Anfangs geht es um Hunde, gequält, erhängt oder als treuer Gefährte an der Seite der noch unbekannten Hauptfigur. Die Figuren haben keine Namen. Allein aus dem Geschehen soll der Leser ergründen, um wen es sich dreht, ob „Er“ der gleiche ist, der auch im nächsten Kapitel auftritt. Das verlangt unnötige Konzentration beim Lesen. Auch wenn die Hauptfigur, Niels Oxen, ein ehemaliger Elitesoldat als interessante Figur angelegt ist, beginnt die Handlung für einen Thriller zu schleppend. Oxen, der von seinen Kriegserfahrungen schwer traumatisiert ist, ernährt sich von dem, was die dänische Gesellschaft wegwirft und lebt mit seinem Hund im Wald. Eines Tages beobachtet er ein Verbrechen und wird zum Hauptverdächtigen. Er beginnt selbst zu ermitteln und wird dabei von einer Geheimdienstmitarbeiterin unterstützt. Leider finden die komplexen Handlungsstränge mit stets wechselnden Figuren und Schauplätzen erst spät zueinander. Da dies der Auftakt zu einer Reihe ist, besteht die Chance, dass der Autor im zweiten Teil schneller beginnt und sich nicht in Nebensächlichkeiten verliert.



Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger
Die Romantherapie für Kinder

Vorab eine Warnung: Dieses Buch hat zur Folge, dass Sie sich ein paar Regalmeter mehr für neuen Lesestoff beschaffen müssen!

Wie habe ich mich gefreut, als ich entdeckte, dass das von mir heißgeliebte Buch für Erwachsene „Die Romantherapie“ nun auch für Kinder- und Jugendbücher erscheint. Das Konzept gleicht dem des Vorgängers für Volljährige, für alle Lebensbefindlichkeiten (von Abenteuerlust bis Zwilling: einer sein) gibt es ausführliche Buchvorschläge. Sie lesen sich oft schon in der Empfehlung heilsam, machen neugierig und sind auf jeden Fall immer amüsant. Bei manchen kindlichen „Leiden“ erhalten die Erwachsenen Hilfe, denn wie bekannt, braucht oft der Elternteil eine Therapie und auch das Kind wird gesund. Dazu finden sich Listen mit den zehn besten Bücher zu allem Möglichen, z. B. Bücher übers Briefeschreiben, Bücher für gehörlose Kinder und Jugendliche, Bücher übers Ausreißen usw. Als Vielleser kann man sich eine dieser Themenliste vornehmen und zur Abwechslung mal nach dieser Auswahl lesen, so erhält man viele neue Blickwinkel. Bestimmt ist auch das eigene Lieblingsbuch der Kindheit dabei oder wird wiederentdeckt. "Die Romantherapie für Kinder" und "die Romantherapie" der drei oben genannten Autorinnen sollte in jeder Apotheke auf dem Ladentisch liegen!


Buchinfos:

Insel Verlag, Hardcover und Ebook, 372 Seiten










Chris Kraus
Das kalte Blut
Roman

In diesem Roman geht es um die radikale, systematische Vernichtung von Menschen während des zweiten Weltkriegs. Aus Sicht des Täters. Zwei Brüder werden als SS-Männer mit der „Säuberung“ im Osten und Westen des „Großdeutschen Reichs“ beauftragt. Beide lieben sie die Jüdin Ev, die traumatisiert aus Auschwitz zurückkehrt, wo sie zur Folterung von Häftlingen gezwungen wurde. Nach dem Krieg wechseln die Brüder Hub und Koja zu anderen Geheimdiensten, CIA und KGB, dienen als Doppelagenten mal hier mal da der „Sache“. Harte Kost, die anfangs in schönen Bildern und einem lockeren Erzählstil in das Buch zieht. 1974 beichtet der Ich-Erzähler Koja einem Hippie-Leidensgenossen in einem Krankenhaus seine Vergehen. Dabei schweift er immer wieder in melancholische Erinnerungen ab. Koja ist ein Künstler, hält alles mit Graphit auf Papier fest, lernt  Heinrich Himmler kennen und beeindruckt ihn. Sein Bruder Hub möchte den „Zartbesaiteten“ beschützen. Er sorgt dafür, dass Koja versetzt wird, sobald er zu Massenhinrichtungen abkommandiert werden soll, doch eines Tages kann Hub es nicht mehr verhindern. Und Koja ballert ein ganzes Magazin auf einen Säugling. 
Es gibt wunderschöne Metaphern in dem Buch, aber die will man als Leser mit zunehmender Enthüllung der Grausamkeiten nicht mehr genießen. Der Roman erinnert an die wahren Schicksale und pflanzt sie damit in die Gedächtnisse von uns Nachgeborenen ein oder besser, er ätzt sie ein. Der humorige Ton erinnert an Edgar Hilsenraths "Der Nazi und der Friseur", hat aber leider nicht dessen durchkomponierte Wucht. Er ist nur genauso schwer auszuhalten. Durch das ausführliche Nachwort erfährt der Leser die wahren Hintergründe und die schriftstellerischen Vorbilder des Autors. Chris Kraus ist Filmemacher, der u. a. den großartigen Film „Vier Minuten“ gemacht hat. Für „Das kalte Blut“ hat er penibel in seiner eigenen Familiengeschichte recherchiert. Trotz bester Absichten zerfällt der Roman für mich als Leserin aber eher in einen Bericht als in eine runde Gesamterzählung, wie es z. B. Günther Grass’ Die Blechtrommel für mich schaffte. Ein bedrückendes Buch, das durch die bildhaften Szenen womöglich als Film besser funktioniert.  


Buchinfos:
Diogenes Verlag, Hardcover und Ebook, 1200 Seiten


Konstantin Wecker
Das ganze schrecklich schöne Leben
Die Biographie

„Ich reit auf einem Wattebausch die Zeit entzwei.“
Dies ist keine Autobiografie des großartigen Musikers und Dichters, sondern in diesem Buch reflektiert auch sein Tourbegleiter Günter Bauch die gemeinsame Zeit. Ein Drittel der Kapitel stammt vom Herausgeber der bisherigen Wecker-Biografien Roland Rottenfußer. Und natürlich kommt auch Konstantin Wecker selbst kommt zu Wort. Anlässlich seines 70. Geburtstags erschienen, nehmen wir an bitteren und schönen, auf jeden Fall einmalige Erfahrungen teil. Wir begleiten die Entstehung seiner Werke, hören von der Inspiration und erfahren wie Klassiker wie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ oder „Genug ist nie genug“ entstanden. Sein Werdegang, seine Anfänge und ersten Auftritte werden geschildert, aber auch sein politisches Engagement. Wecker ist ein besessener, verbissener Künstler, der immer für seine Kunst und seine Anliegen eintritt. Eine Zeitlang zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, wandte sich der Innerlichkeit zu (wie es auf S. 145 heißt), dadurch entstanden Kindermusicals und z. B. die Musik zu Jutta Richters Geschichte „Das Kind auf den Bäumen.“ Gegenwärtig steht er wieder auf Seiten der Hilfsbedürftigen, aber nicht nur er, auch seine Frau und sein Sohn engagieren sich für Flüchtlinge.
Jeder der drei Autoren hat seinen eigenen Blickwinkel auf das Geschehen und so kann sich der Leser selbst ein Bild machen.
Wecker erzählt er von seinem liebevollen Elternhaus. Die Mutter war seine Förderin, stand zu ihm, als er wegen Drogenbesitz verurteilt werden sollte, setzte sich ganz nach vorne und fixierte den Richter während des Prozesses. Der Vater, selbst Musiker und Maler, nahm sein Talent mit ins Grab, förderte aber seinen Sohn von klein auf und wollte aus Konstantin einen Opernsänger machen. Ihm hat er auch ein sehr berührendes Lied gewidmet.
Das vielfältige Buch enthält viele seiner Gedichte und Liedtexte und ist damit ein wunderbares Geschenk für sich als Fan des Münchner Ausnahmekünstlers oder für andere zum Wiederentdecken und begleitendem Wiederhören.


Buchinfos:

Gütersloher Verlagshaus, Ebook und Hardcover, Knaus Verlag, 480 Seiten


Annette Mingels
Was alles war
Roman

Allein das Eingangszitat von Margaret Atwood gefällt mir: Wenn man sich mitten in einer Geschichte befindet, ist es keine Geschichte, sondern nur eine große Verwirrung...ein Durcheinander aus zerbrochenem Glas...Erst hinterher wird daraus eine Geschichte. Das ist für den Roman perfekt gewählt, wie ein Schild an der Eingangstür.  Die Struktur liefern die Kapitel, die sich in fünf Akte gliedern: „Anfangen, Lieben, Verlieren, Weitermachen und Finden“.

Ein Roman über Adoption und die verschiedenen modernen Formen des heutigen Familienlebens. Die Hauptfigur Susa wurde (wie die Autorin Annette Mingels) selbst adoptiert. Als Meeresbiologin betreibt Susa Wurmforschung, was wie eine Metapher für das Wühlen in der eigenen Familiengeschichte steht. Überhaupt die Metaphern in dem Roman gefallen mir, da ist die Icherzählerin mal sichtbar wie ein Fisch im Aquarium, als sie von einem Mann durch das Fenster beim Ausziehen beobachtet wird. Anfangs wird Susa noch nicht selber aktiv, sondern ihre Mutter meldet sich mit einem Brief und möchte sie treffen. Mit zehn erfuhr sie, dass ihre liebenden, fürsorglichen Eltern nicht ihre richtigen Eltern sind und als sie das nun ihrer eher verkorksten leiblichen Mutter erzählt, fühlt sie sich wie bei einer Prüfung. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Was sie erfährt, lässt sie nicht los, sie forscht selbst nach ihren Brüdern und nach ihrem Vater, hat in ihrem bisherigen Leben zugleich aber auch Schicksalsschläge zu verdauen. Der Leser erlebt nicht nur ihre Familiensuche mit, sondern auch die der anderen Figuren. Jeder hat seine Geheimnisse und zusammen ergeben sie ein buntes Puzzle, der zu diesem besonderen Familienroman führt.


Buchinfos:
Ebook und Hardcover, Knaus Verlag, 288 Seiten





Monika Gause
Adobe Illustrator CC
Das umfassende Handbuch

Ob man sich als Einsteiger mit dem Adobe Illustrator Programm vertraut machen möchte oder seine Kenntnisse erweitern will. Mit seiner klaren Struktur und dem ausführliches Index bietet dieses dicke Buch Lösungsvorschläge für nahezu jedes Problem. Illustrator-Anfänger können sich Seite für Seite durcharbeiten, Workshops erleichtern das Lernen Schritt für Schritt. Schriftgestaltung oder freie Illustration, Produktwerbung oder Industriedesign sind nur wenige Beispiele. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk, das nicht nur inhaltlich und optisch, sondern auch haptisch sehr gut gemacht ist. Eine Inspiration für alle Sinne! 

Checklisten für die wichtigsten Fragen und Problemfälle erleichtern das Suchen. Die Autorin Monika Gause ist selbst Kommunikationsdesignerin, Dozentin und Software-Trainerin und seit Jahren zuständig für die Handbücher zu diesem Programm. Sie legt hier eine fundierte Neuausgabe vor und beginnt mit der Arbeitsumgebung in Illustrator CC, erklärt dann die Grundlagen einer Vektorgrafik (im Unterschied zu Pixeln, wie sie in Photoshop erzeugt werden) und zeigt in den nachfolgenden Kapiteln die einzelnen Anwendungsmöglichkeiten, jeweils mit ausführlichem Bildmaterial.   

Wie alle Werke des Rheinwerk Design Verlags ist auch dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Ein echtes Handwerksbuch für Gestalter, die mit dem Illustrator Programm arbeiten und tiefer in die Geheimnisse der Vektorsoftware einsteigen oder mit Kenntnissen aus Photoshop ihr Wissen mit diesem Programm erweitern wollen. 



Henry Marsh
Um Leben und Tod
Ein Hirnchirurg erzählt

Ärzte sind auch nur Menschen, ja, das erfahren wir hier. Das Zittern und Bangen, wenn es um das Leben eines Patienten geht, wenn es um Millimeter geht, die das Mikroinstrument in das Gehirn vordringt. Wenn Entscheidungen zu treffen sind und Wahrscheinlichkeiten des Überlebens ausgerechnet werden müssen. Wenn das Organ, das uns alles ermöglicht, eben nur ein Organ, schwammiges Gewebe ist. Der englische Neurochirurg erzählt Persönliches, gibt kritische Kommentare und schildert Schicksale seiner Patienten, das nicht selten vom Zufall abhängt. Immer respektvoll ehrlich lernen wir so unser verborgenes Inneres kennen und begreifen medizinische Zusammenhänge. Ein spannendes Buch, das das Wunder Denken, Leben und Träumen erfahrbar zu machen versucht. 

Buchinfos:
Penguin Verlag, Ebook und Taschenbuch, 368 Seiten

Aaron Blabey

Böse Jungs

Band 1 und 2



Ein Wolf, ein Hai, ein Piranha und eine Schlange versuchen sich von ihrem negativen Image zu befreien, immer und überall die Bösen zu sein. Stattdessen wollen sie sich der guten Sache zuwenden und zu Helden werden. Leicht beschlossen, schwer umzusetzen. Um es mit dem Stempel auf dem Cover des zweiten Bandes zu sagen: MISSION UNMÖGLICH. Aber Wolf gibt nicht auf und treibt seine Leidensgenossen an, deren polizeiliches Führungszeugnis wenig vertrauenserweckend ist. Naja, so richtig leiden tun sie eh nicht, sie sind eher auf Spaß aus und der Leser und Betrachter dieser großartigen Bücher ist mitten dabei. Das absurde Bösewichtteam in Anzügen à la James Bond sprüht vor Eigensinn und Einfällen. Am Ende ihrer ersten Heldenreise fühlen sie sich sogar richtig gut und sind voller Tatendrang. Im zweiten Band geht’s weiter mit einer absurden Rettungsaktion. Was, wenn die, die gerettet werden sollen, gar nicht gerettet werden wollen? Egal, am Gutsein müssen schon allen mitarbeiten. Schließlich hat jeder seine Stärken. Frei nach dem Motto des 7. Kapitels: Vertrau mir, ich bin eine Schlange.


Der Australier Aaron Blabey hat eine Comic-Roman-Reihe der besonderen Art erschaffen. Der Autor und Illustrator ist auch Schauspieler, der sein darstellerisches Handwerk auf das Medium Buch zu übertragen versteht. Sogar die Schriftarten arbeiten an der Dramatik der Geschichte und ergänzen die witzigen Zeichnungen. Ein besonderes Vergnügen für Groß und Klein und zu Recht für den deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert.

Buchinfos:
Hardcover, Baumhaus Verlag, je 140 Seiten, alle Seiten illustriert.




Zum 200. Todestag von Jane Austen

Holly Ivins
Jane Austen
Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt


Dieses optisch sehr schön gemachte Buch ist wirklich auch inhaltlich eine
Entdeckung. Ob bereits bekennender Fan oder Neuling, Jane-Austens Leben, ihre Romane mit den Figuren und Schauplätzen werden auf liebevoll amüsante Weise genau beleuchtet. Wie wurde sie zur Schriftstellerin, wer war ihre Familie?
Oder was ist eigentlich ein Gentleman, und welcher ihrer Romanfiguren erfüllt diese perfekten Maßstäbe und ist trotzdem nicht der beliebteste von allen? Denn laut einer Umfrage würden sich die meisten Frauen für Mr Darcy (aus Stolz und Vorurteil) entscheiden, der durch dieses Raster fällt.
Darüber hinaus erfährt man noch viel zeitgeschichtlich Interessantes. Über die Klassengesellschaft des 18./19. Jahrhunderts in England, die Rolle der Frau und warum Austen wenig Politik in ihren Büchern verarbeitet hat. Wer die Verfilmungen ihrer Bücher schätzt, mag bestimmt auch die Kostüme. Hier wird die aufwendige Garderobe und der streng geregelte Tagesablauf einer jungen Dame, die wie Jane Austen selbst, der sog. „Genty-Schicht“ angehörte, erläutert. An vielen Stellen kommt sie selbst zu Wort. Oder es gibt Querverweise zu ihren Romanen, die neugierig aufs Lesen oder Wiederlesen machen. Holy Ivins hat ein wunderschönes Kompendium zum Verschenken oder sich Selbstschenken erschaffen.

Buchinfos:
Hardcover, DVA Verlag, 241 Seiten





Sven Gerhardt
Die Heuhaufen-Halunken
Illustriert von Vera Schmidt
Kinderbuch ab 8 Jahren



Sommerferien auf dem Land, besser gesagt im Dorf Dümpelwalde, der Name ist Programm. Kein Freibad weit und breit. Die einzige Attraktion ist der Hahn Pavarotti, der jeden im Dorf mit seinem Gekrähe früh morgens schon aus den Federn treibt. Das könnten öde Ferien werden, aber nicht für die Heuhaufen-Halunken, eine Bande Kinder, die krumme Dinger drehen wollen. Zusammen stellen sie einen Ferienrettungsplan auf. Sie versuchen den alten Volvo wieder zum Laufen zu bringen, der in der Scheune bisher als Bandenquartier gedient hat, um ein paar Tage zum nächsten Schwimmbad zu verreisen. Operation Badehose! Anführerin Meggy hat alles fest im Griff. Zumindest bis ein Stadtjunge dazukommt und Mitglied werden will. Aber Meggy weiß, dass man an den Augen eines Menschen erkennt, wer zum Halunken taugt. Nur so kann man sein Gegenüber einschätzen. Bald klärt sich, ob der piekfeine Berliner Junge Freund oder Feind ist. Dieser Kinderroman sprüht vor Witz und Spannung. Unterstrichen wird das Lesevergnügen von den herrlichen zweifarbigen Illustrationen von Vera Schmidt.
Besonders gefallen haben mir auch die „Bauernweisheiten“ als Kapiteltitel. Dies ist ein Start in eine vielversprechende Abenteuerreihe.


Buchinfos:

Hardcover mit vielen Illustrationen von Vera Schmidt, cbj Verlag, 160 Seiten



Sempé
Für Bücherfreunde
Cartoons

Alles dreht sich hier um das Entstehen von Büchern, die Gefühle der Autoren. In den feinen Zeichnungen, die immer liebevoll auf ihre Figuren blicken, gibt es viel zu entdecken. Sempé nimmt den Literaturbetrieb aufs Korn, wie es nur jemand versteht, der mitten drin steckt und es bestimmt im Laufe der Entstehung seiner vielen Bücher selbst erlebt hat. Die guten Ratschläge, die angehende Autoren zu hören kriegen. Wie entstehen Romane? Wie hält man Ideen fest? Wie vermittle ich einem Verleger, dass ausgerechnet mein Roman den schweren Vorhang der bisher düsteren Literatur erhellen wird? Wie kann ein Autor das Marketing selbst vorantreiben? Am besten mit einem Spruchband, das ein Flugzeug über einen vielbevölkerten Campingplatz zieht. Die herrlichen Zeichnungen brauchen oft keine Worte, manchmal auch längere Sprechblasen oder Begleittexte, die dem Bild eine völlig andere Bedeutung verleihen. Enthalten sind auch Geschichten über mehrere Seiten oder auch Sempés große Kunst mit wenigen Strichen eine Szene festzuhalten.  

Ein Geschenk für Literaten und alle, die an und in Büchern die Welt messen.

Buchinfos:
Hardcover, um farbige Cartoons erweiterte Neuausgabe, Diogenes Verlag, 112 Seiten





Val McDermid
Anatomie des Verbrechens

Alle Krimis der Autorin sind megaspannend. Kein Wunder Val McDermid recherchiert sehr genau und hat durch die Fülle ihrer Bücher und Themen im Laufe der Jahre viele Experten befragt. Hier gibt sie nicht nur Einblicke in ihre Recherchen, sie schildert auch wahre Verbrechen und wie sie aufgeklärt wurden. Das Fachbuch über Forensik zeigt wie die Ermittler im Laufe der Zeit mehr und mehr Details in die Analyse eines Verbrechens einbezogen, um Todeszeitpunkt, -ursache festzustellen oder überhaupt einen Täter aufzuspüren. Das Kapitel „Pathologie“ klärt leider auch nicht über den Übersetzungsfehler auf, der sich hartnäckig im Deutschen hält (besonders bei Fernsehkrimis). Pathologen sind in Deutschland Experten, die Gewebe untersuchen. Korrekt heißt es Rechtsmediziner (nur in Österreich Gerichtsmediziner), nur sie, helfen der Polizei bei der Aufklärung verdächtiger Todesfälle. Aber dieses Manko sei verziehen. Gestalterisch sehr gelungen, ist eine Fliege auf den Seiten abgedruckt, die man beim Durchblättern am liebsten wegwischen möchte. Nicht nur im Kapitel „forensische Insektenkunde“, in dem erläutert wird, auf welche Weise die winzigen Tiere sogar einen weltweit gesuchten Serienmörder überführen können. Ein Sachbuch für alle Krimifans und –autoren, zum Nachschlagen, aber auch zum gruseligen Drinschmökern.

Buchinfos:
Paperback mit vielen Abbildungen und einer (oder vielen Fliegen), Knaus Verlag, 380 Seiten
  




Henrik B. Nilsson
Das geheime Manuskript des Hermann Freytag

 
Als leidenschaftliche Leserin und Autorin lese ich natürlich auch sehr gerne Bücher, die sich um Bücher und ihre Entstehung drehen. Wenn möglich verschachtelt mit ungewöhnlichen Blickwinkeln. Dies bekam ich mit dem „geheimen Manuskript“. Henrik B. Nilsson ist ein schwedischer Autor, der in Deutschland aufgewachsen ist und hier über das Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt.
Wien 1910, der Held, Hermann Freytag, genießt mit allen Sinnen seinen Ruhestand. Es beginnt mit einem kurzen Epilog, in dem es um einen bedeutungsschweren Brief an die vatikanische Bibliothek geht. Hier geht es also mehr als „nur“ um Literatur, die große Politik hält ihre Fahne hoch. Beim Mokka in einem Wiener Kaffeehaus ahnt Freytag noch nicht, dass sein neuer Auftrag, einen Autor beim Verfassen eines Manuskripts zu unterstützen, das gemütlich eingerichtete Pensionsleben ins Wanken bringen wird. „Wenn der Komet vorübergezogen wäre und die Kopfschmerzen sich gelegt hätten, würde alles weitergehen wie bisher“, heißt es im letzten Kapitel. Dazwischen liegen herrlich kunstvoll geschriebene über 500 Seiten für Bücherfans, die Spaß an Sprache und feiner Wortwahl haben.   

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 575 Seiten



Gabriel Rolón
Der Psychologe

Seit der genialen Fernsehserie „Fitz“, lese ich gerne Romane, die einen Psychologen zum Ermittler machen. Der Autor, ein Argentinier, nimmt sich Zeit für den Ausbau der Figuren und so ist sein Kriminalroman viel mehr als die Aufklärung eines Falls. Dadurch haben auch wir Leser die Möglichkeit differenzierter hinzusehen, mehr als wir es vielleicht bei einem Polizeikrimi täten. Wie es sich für einen überragenden Psychologen gehört, ist Pablo Rouviot ein genauer Beobachter. Auch wenn er eigentlich ein Mann der Sprache ist, so weiß er, dass oft mehr hinter schnell dahin gesagten Worten steckt. Durch Körpersprache und Signale seiner Patienten nimmt er versteckte Botschaften auf. So geht die Bitte einer jungen Frau, die um ihren Vater trauert, bald über ein gewöhnliches Gutachten in den Stunden seiner Praxis hinaus. Nach und nach wird er in verbrecherische Machenschaften gezogen. Der Autor weiß wovon er schreibt, Rolón ist selbst ein sehr bekannter Psychoanalytiker in seiner Heimat. Den Leser erwartet kein reißerischer Krimi, sondern ein subtiler Spannungsschmöker, der, wenn man sich darauf einlässt, bis zur letzten Seite fesselt und lange nachklingt. Mit der Frage, wie hätten wir entschieden, wenn... 

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 379 Seiten





Markus Wäger
Das ABC der Farbe

Vom reinen Weiß bis zur absoluten Dunkelheit. Um Schwarz zu sehen, stellt man sich am besten einen Tunnel oder eine Höhle vor, die schnurgerade in die Tiefe eines Berges führt. Absolutes Weiß zu erfassen, ist uns nicht möglich, weil wir ohne Verletzung der Augen nicht direkt in das reinste Weiß, das Licht der Sonne blicken können. Auf welche Weise nehmen wir überhaupt Farben wahr? Wir brauchen Licht, um Umrisse zu erkennen, uns in der Dunkelheit zu orientieren. Ohne Schatten würden wir eine Kugel nicht als Körper wahrnehmen, sondern als Scheibe. Vor Goethe und seinem faszinierendem, ästhetisch schönen Aquarellfarbkreis kam Newton, der mit Prismen experimentierte, aber auch eine Analogie der Farben zur Akustik zu sehen glaubte. In diesem Buch erfahren wir alles von den Farben und ihrer Wirkung und erhalten übersichtliche Tipps für die Anwendung in der Praxis. Ein Index hilft bei der schnellen Suche nach bestimmten Begriffen, wie Tonwertspreizung (was ist das überhaupt?), Sättigung und dem Unterschied zwischen Magenta, Purpur und Rosarot. Allein das Blättern in diesem Buch ist ein Sinnesgenuss. Leichtes, griffiges Papier, ein Lesebändchen und hervorragende Illustrationen. Knappe, fundierte Texte erläutern die Bildbeispiele. Es enthält Mischverhältnisse für bestimmte Farbtöne, Farbskalen und Vorstellungen der verschiedenen Anwenderprogramme. Auf Grund des handlichen und doch relativ großen Formats können wir uns vor der eigenen gestalterischen Arbeit inspirieren lassen, so in die Farbenwelt eintauchen und beim Lesen die schönen Fotos und Farbbeispiele auf uns wirken lassen. Ein Buch, das am besten den Schreibtisch nie verlässt. Damit ist Bildbearbeitung von jetzt an ein pures Vergnügen.


Buchinfos:

Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, vollfarbig illustriert, 394 Seiten






Philipp Barth
Das Buch für Ideensucher
Denkanstöße, Inspirationen und Impulse für Kreative

Dieses Buch ist ein feiner Kompass, der durch das Chaos der kreativen Möglichkeiten führt, kein Einmalratgeber. Es liefert nicht nur Theorie, sondern gibt konkret und praktisch Tipps, die ganz auf den Alltag des Ideensuchers abgestimmt sind. Auf unterhaltsame Weise bietet Philipp Barth eine Fülle von Anregungen, verspricht ein Routine-Start-Programm, das nach einiger Übung abgerufen werden kann und lockert alles mit Beispielgeschichten von erfolgreichen Kreativen auf. Einblicke, in umgesetzte Ideen, die die Welt beherrschen, und dabei einst alles nur Keimlinge von Kreativen waren. Das macht Spaß und liest sich spannend. Anhand von Übungen, Techniken und Checklisten lässt sich das Erfahrene anwenden. Optisch anspruchsvoll gemacht, mit gelb markierten Sätzen, die Wesentliches herausheben, wirkt das Buch wie ein künstlerisches Notizbuch. Spätestens nach dieser Lektüre wird man vom Suchenden zum Ideenfinder, garantiert.

Buchinfos:
Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, 285 Seiten


Tomi Ungerer
Warum bin ich nicht du?
Antworten auf philosophische Fragen von Kindern

Ein herrliches Buch, das keine Tabus kennt. Tod und Liebe, Gefühle wie Angst, Einsamkeit und Selbstsicherheit, Sachfragen, wer den Himmel gebaut hat oder ob Steine denken können kommen zur Sprache. Auf erstaunliche Fragen, erhält der Leser manchmal absurde, aber nie geschwätzige oder belehrende Antworten des Autors. Genau wie in seinen großartigen Kinderbüchern nimmt Ungerer die Kinder ernst, erinnert sich manchmal dabei an seine eigene Kindheit und erzählt. Man erfährt welche Kosenamen seine achtzigjährige Mutter ihm, der schon fünfzig war, gab. Gefragt hatte die neunjährige Rebecca, ob wir für unsere Eltern immer Kinder bleiben werden. Muss man groß sein, um erwachsen zu sein? Ungerer erzählt von einer Kleinwüchsigen, die sich auf ein Podest stellte und rief: Nur weil ich klein bin, seid ihr noch lange nicht groß! Oder der siebenjährige Alexandre will wissen, ob man aus Liebe sterben kann. Ungerer sagt darauf, dass wir nur die Macht haben, ein einziges Leben der Leere und dem Nichts zu entreißen, nämlich das eigene, für das man selbst verantwortlich ist. So lässt sich sogar der Tod besiegen.
Hinten im Buch gibt es ein Themenregister, das die herrlichen Fragen noch einmal auflistet. Ein großes Lesevergnügen, das mit Ungerers Illustrationen zusätzlich bereichert wird.

Buchinfos:
Hardcover, Diogenes Verlag, 192 Seiten


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