Hier schreibe ich über 
Bücher, anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Aaron Blabey

Böse Jungs

Band 1 und 2



Ein Wolf, ein Hai, ein Piranha und eine Schlange versuchen sich von ihrem negativen Image zu befreien, immer und überall die Bösen zu sein. Stattdessen wollen sie sich der guten Sache zuwenden und zu Helden werden. Leicht beschlossen, schwer umzusetzen. Um es mit dem Stempel auf dem Cover des zweiten Bandes zu sagen: MISSION UNMÖGLICH. Aber Wolf gibt nicht auf und treibt seine Leidensgenossen an, deren polizeiliches Führungszeugnis wenig vertrauenserweckend ist. Naja, so richtig leiden tun sie eh nicht, sie sind eher auf Spaß aus und der Leser und Betrachter dieser großartigen Bücher ist mitten dabei. Das absurde Bösewichtteam in Anzügen à la James Bond sprüht vor Eigensinn und Einfällen. Am Ende ihrer ersten Heldenreise fühlen sie sich sogar richtig gut und sind voller Tatendrang. Im zweiten Band geht’s weiter mit einer absurden Rettungsaktion. Was, wenn die, die gerettet werden sollen, gar nicht gerettet werden wollen? Egal, am Gutsein müssen schon allen mitarbeiten. Schließlich hat jeder seine Stärken. Frei nach dem Motto des 7. Kapitels: Vertrau mir, ich bin eine Schlange.


Der Australier Aaron Blabey hat eine Comic-Roman-Reihe der besonderen Art erschaffen. Der Autor und Illustrator ist auch Schauspieler, der sein darstellerisches Handwerk auf das Medium Buch zu übertragen versteht. Sogar die Schriftarten arbeiten an der Dramatik der Geschichte und ergänzen die witzigen Zeichnungen. Ein besonderes Vergnügen für Groß und Klein und zu Recht für den deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert.

Buchinfos:
Hardcover, Baumhaus Verlag, je 140 Seiten, alle Seiten illustriert.




Zum 200. Todestag von Jane Austen

Holly Ivins
Jane Austen
Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt


Dieses optisch sehr schön gemachte Buch ist wirklich auch inhaltlich eine
Entdeckung. Ob bereits bekennender Fan oder Neuling, Jane-Austens Leben, ihre Romane mit den Figuren und Schauplätzen werden auf liebevoll amüsante Weise genau beleuchtet. Wie wurde sie zur Schriftstellerin, wer war ihre Familie?
Oder was ist eigentlich ein Gentleman, und welcher ihrer Romanfiguren erfüllt diese perfekten Maßstäbe und ist trotzdem nicht der beliebteste von allen? Denn laut einer Umfrage würden sich die meisten Frauen für Mr Darcy (aus Stolz und Vorurteil) entscheiden, der durch dieses Raster fällt.
Darüber hinaus erfährt man noch viel zeitgeschichtlich Interessantes. Über die Klassengesellschaft des 18./19. Jahrhunderts in England, die Rolle der Frau und warum Austen wenig Politik in ihren Büchern verarbeitet hat. Wer die Verfilmungen ihrer Bücher schätzt, mag bestimmt auch die Kostüme. Hier wird die aufwendige Garderobe und der streng geregelte Tagesablauf einer jungen Dame, die wie Jane Austen selbst, der sog. „Genty-Schicht“ angehörte, erläutert. An vielen Stellen kommt sie selbst zu Wort. Oder es gibt Querverweise zu ihren Romanen, die neugierig aufs Lesen oder Wiederlesen machen. Holy Ivins hat ein wunderschönes Kompendium zum Verschenken oder sich Selbstschenken erschaffen.

Buchinfos:
Hardcover, DVA Verlag, 241 Seiten





Sven Gerhardt
Die Heuhaufen-Halunken
Illustriert von Vera Schmidt
Kinderbuch ab 8 Jahren



Sommerferien auf dem Land, besser gesagt im Dorf Dümpelwalde, der Name ist Programm. Kein Freibad weit und breit. Die einzige Attraktion ist der Hahn Pavarotti, der jeden im Dorf mit seinem Gekrähe früh morgens schon aus den Federn treibt. Das könnten öde Ferien werden, aber nicht für die Heuhaufen-Halunken, eine Bande Kinder, die krumme Dinger drehen wollen. Zusammen stellen sie einen Ferienrettungsplan auf. Sie versuchen den alten Volvo wieder zum Laufen zu bringen, der in der Scheune bisher als Bandenquartier gedient hat, um ein paar Tage zum nächsten Schwimmbad zu verreisen. Operation Badehose! Anführerin Meggy hat alles fest im Griff. Zumindest bis ein Stadtjunge dazukommt und Mitglied werden will. Aber Meggy weiß, dass man an den Augen eines Menschen erkennt, wer zum Halunken taugt. Nur so kann man sein Gegenüber einschätzen. Bald klärt sich, ob der piekfeine Berliner Junge Freund oder Feind ist. Dieser Kinderroman sprüht vor Witz und Spannung. Unterstrichen wird das Lesevergnügen von den herrlichen zweifarbigen Illustrationen von Vera Schmidt.
Besonders gefallen haben mir auch die „Bauernweisheiten“ als Kapiteltitel. Dies ist ein Start in eine vielversprechende Abenteuerreihe.


Buchinfos:

Hardcover mit vielen Illustrationen von Vera Schmidt, cbj Verlag, 160 Seiten



Sempé
Für Bücherfreunde
Cartoons

Alles dreht sich hier um das Entstehen von Büchern, die Gefühle der Autoren. In den feinen Zeichnungen, die immer liebevoll auf ihre Figuren blicken, gibt es viel zu entdecken. Sempé nimmt den Literaturbetrieb aufs Korn, wie es nur jemand versteht, der mitten drin steckt und es bestimmt im Laufe der Entstehung seiner vielen Bücher selbst erlebt hat. Die guten Ratschläge, die angehende Autoren zu hören kriegen. Wie entstehen Romane? Wie hält man Ideen fest? Wie vermittle ich einem Verleger, dass ausgerechnet mein Roman den schweren Vorhang der bisher düsteren Literatur erhellen wird? Wie kann ein Autor das Marketing selbst vorantreiben? Am besten mit einem Spruchband, das ein Flugzeug über einen vielbevölkerten Campingplatz zieht. Die herrlichen Zeichnungen brauchen oft keine Worte, manchmal auch längere Sprechblasen oder Begleittexte, die dem Bild eine völlig andere Bedeutung verleihen. Enthalten sind auch Geschichten über mehrere Seiten oder auch Sempés große Kunst mit wenigen Strichen eine Szene festzuhalten.  

Ein Geschenk für Literaten und alle, die an und in Büchern die Welt messen.

Buchinfos:
Hardcover, um farbige Cartoons erweiterte Neuausgabe, Diogenes Verlag, 112 Seiten





Val McDermid
Anatomie des Verbrechens

Alle Krimis der Autorin sind megaspannend. Kein Wunder Val McDermid recherchiert sehr genau und hat durch die Fülle ihrer Bücher und Themen im Laufe der Jahre viele Experten befragt. Hier gibt sie nicht nur Einblicke in ihre Recherchen, sie schildert auch wahre Verbrechen und wie sie aufgeklärt wurden. Das Fachbuch über Forensik zeigt wie die Ermittler im Laufe der Zeit mehr und mehr Details in die Analyse eines Verbrechens einbezogen, um Todeszeitpunkt, -ursache festzustellen oder überhaupt einen Täter aufzuspüren. Das Kapitel „Pathologie“ klärt leider auch nicht über den Übersetzungsfehler auf, der sich hartnäckig im Deutschen hält (besonders bei Fernsehkrimis). Pathologen sind in Deutschland Experten, die Gewebe untersuchen. Korrekt heißt es Rechtsmediziner (nur in Österreich Gerichtsmediziner), nur sie, helfen der Polizei bei der Aufklärung verdächtiger Todesfälle. Aber dieses Manko sei verziehen. Gestalterisch sehr gelungen, ist eine Fliege auf den Seiten abgedruckt, die man beim Durchblättern am liebsten wegwischen möchte. Nicht nur im Kapitel „forensische Insektenkunde“, in dem erläutert wird, auf welche Weise die winzigen Tiere sogar einen weltweit gesuchten Serienmörder überführen können. Ein Sachbuch für alle Krimifans und –autoren, zum Nachschlagen, aber auch zum gruseligen Drinschmökern.

Buchinfos:
Paperback mit vielen Abbildungen und einer (oder vielen Fliegen), Knaus Verlag, 380 Seiten
  




Henrik B. Nilsson
Das geheime Manuskript des Hermann Freytag

 
Als leidenschaftliche Leserin und Autorin lese ich natürlich auch sehr gerne Bücher, die sich um Bücher und ihre Entstehung drehen. Wenn möglich verschachtelt mit ungewöhnlichen Blickwinkeln. Dies bekam ich mit dem „geheimen Manuskript“. Henrik B. Nilsson ist ein schwedischer Autor, der in Deutschland aufgewachsen ist und hier über das Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt.
Wien 1910, der Held, Hermann Freytag, genießt mit allen Sinnen seinen Ruhestand. Es beginnt mit einem kurzen Epilog, in dem es um einen bedeutungsschweren Brief an die vatikanische Bibliothek geht. Hier geht es also mehr als „nur“ um Literatur, die große Politik hält ihre Fahne hoch. Beim Mokka in einem Wiener Kaffeehaus ahnt Freytag noch nicht, dass sein neuer Auftrag, einen Autor beim Verfassen eines Manuskripts zu unterstützen, das gemütlich eingerichtete Pensionsleben ins Wanken bringen wird. „Wenn der Komet vorübergezogen wäre und die Kopfschmerzen sich gelegt hätten, würde alles weitergehen wie bisher“, heißt es im letzten Kapitel. Dazwischen liegen herrlich kunstvoll geschriebene über 500 Seiten für Bücherfans, die Spaß an Sprache und feiner Wortwahl haben.   

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 575 Seiten



Gabriel Rolón
Der Psychologe

Seit der genialen Fernsehserie „Fitz“, lese ich gerne Romane, die einen Psychologen zum Ermittler machen. Der Autor, ein Argentinier, nimmt sich Zeit für den Ausbau der Figuren und so ist sein Kriminalroman viel mehr als die Aufklärung eines Falls. Dadurch haben auch wir Leser die Möglichkeit differenzierter hinzusehen, mehr als wir es vielleicht bei einem Polizeikrimi täten. Wie es sich für einen überragenden Psychologen gehört, ist Pablo Rouviot ein genauer Beobachter. Auch wenn er eigentlich ein Mann der Sprache ist, so weiß er, dass oft mehr hinter schnell dahin gesagten Worten steckt. Durch Körpersprache und Signale seiner Patienten nimmt er versteckte Botschaften auf. So geht die Bitte einer jungen Frau, die um ihren Vater trauert, bald über ein gewöhnliches Gutachten in den Stunden seiner Praxis hinaus. Nach und nach wird er in verbrecherische Machenschaften gezogen. Der Autor weiß wovon er schreibt, Rolón ist selbst ein sehr bekannter Psychoanalytiker in seiner Heimat. Den Leser erwartet kein reißerischer Krimi, sondern ein subtiler Spannungsschmöker, der, wenn man sich darauf einlässt, bis zur letzten Seite fesselt und lange nachklingt. Mit der Frage, wie hätten wir entschieden, wenn... 

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 379 Seiten





Markus Wäger
Das ABC der Farbe

Vom reinen Weiß bis zur absoluten Dunkelheit. Um Schwarz zu sehen, stellt man sich am besten einen Tunnel oder eine Höhle vor, die schnurgerade in die Tiefe eines Berges führt. Absolutes Weiß zu erfassen, ist uns nicht möglich, weil wir ohne Verletzung der Augen nicht direkt in das reinste Weiß, das Licht der Sonne blicken können. Auf welche Weise nehmen wir überhaupt Farben wahr? Wir brauchen Licht, um Umrisse zu erkennen, uns in der Dunkelheit zu orientieren. Ohne Schatten würden wir eine Kugel nicht als Körper wahrnehmen, sondern als Scheibe. Vor Goethe und seinem faszinierendem, ästhetisch schönen Aquarellfarbkreis kam Newton, der mit Prismen experimentierte, aber auch eine Analogie der Farben zur Akustik zu sehen glaubte. In diesem Buch erfahren wir alles von den Farben und ihrer Wirkung und erhalten übersichtliche Tipps für die Anwendung in der Praxis. Ein Index hilft bei der schnellen Suche nach bestimmten Begriffen, wie Tonwertspreizung (was ist das überhaupt?), Sättigung und dem Unterschied zwischen Magenta, Purpur und Rosarot. Allein das Blättern in diesem Buch ist ein Sinnesgenuss. Leichtes, griffiges Papier, ein Lesebändchen und hervorragende Illustrationen. Knappe, fundierte Texte erläutern die Bildbeispiele. Es enthält Mischverhältnisse für bestimmte Farbtöne, Farbskalen und Vorstellungen der verschiedenen Anwenderprogramme. Auf Grund des handlichen und doch relativ großen Formats können wir uns vor der eigenen gestalterischen Arbeit inspirieren lassen, so in die Farbenwelt eintauchen und beim Lesen die schönen Fotos und Farbbeispiele auf uns wirken lassen. Ein Buch, das am besten den Schreibtisch nie verlässt. Damit ist Bildbearbeitung von jetzt an ein pures Vergnügen.


Buchinfos:

Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, vollfarbig illustriert, 394 Seiten






Philipp Barth
Das Buch für Ideensucher
Denkanstöße, Inspirationen und Impulse für Kreative

Dieses Buch ist ein feiner Kompass, der durch das Chaos der kreativen Möglichkeiten führt, kein Einmalratgeber. Es liefert nicht nur Theorie, sondern gibt konkret und praktisch Tipps, die ganz auf den Alltag des Ideensuchers abgestimmt sind. Auf unterhaltsame Weise bietet Philipp Barth eine Fülle von Anregungen, verspricht ein Routine-Start-Programm, das nach einiger Übung abgerufen werden kann und lockert alles mit Beispielgeschichten von erfolgreichen Kreativen auf. Einblicke, in umgesetzte Ideen, die die Welt beherrschen, und dabei einst alles nur Keimlinge von Kreativen waren. Das macht Spaß und liest sich spannend. Anhand von Übungen, Techniken und Checklisten lässt sich das Erfahrene anwenden. Optisch anspruchsvoll gemacht, mit gelb markierten Sätzen, die Wesentliches herausheben, wirkt das Buch wie ein künstlerisches Notizbuch. Spätestens nach dieser Lektüre wird man vom Suchenden zum Ideenfinder, garantiert.

Buchinfos:
Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, 285 Seiten


Tomi Ungerer
Warum bin ich nicht du?
Antworten auf philosophische Fragen von Kindern

Ein herrliches Buch, das keine Tabus kennt. Tod und Liebe, Gefühle wie Angst, Einsamkeit und Selbstsicherheit, Sachfragen, wer den Himmel gebaut hat oder ob Steine denken können kommen zur Sprache. Auf erstaunliche Fragen, erhält der Leser manchmal absurde, aber nie geschwätzige oder belehrende Antworten des Autors. Genau wie in seinen großartigen Kinderbüchern nimmt Ungerer die Kinder ernst, erinnert sich manchmal dabei an seine eigene Kindheit und erzählt. Man erfährt welche Kosenamen seine achtzigjährige Mutter ihm, der schon fünfzig war, gab. Gefragt hatte die neunjährige Rebecca, ob wir für unsere Eltern immer Kinder bleiben werden. Muss man groß sein, um erwachsen zu sein? Ungerer erzählt von einer Kleinwüchsigen, die sich auf ein Podest stellte und rief: Nur weil ich klein bin, seid ihr noch lange nicht groß! Oder der siebenjährige Alexandre will wissen, ob man aus Liebe sterben kann. Ungerer sagt darauf, dass wir nur die Macht haben, ein einziges Leben der Leere und dem Nichts zu entreißen, nämlich das eigene, für das man selbst verantwortlich ist. So lässt sich sogar der Tod besiegen.
Hinten im Buch gibt es ein Themenregister, das die herrlichen Fragen noch einmal auflistet. Ein großes Lesevergnügen, das mit Ungerers Illustrationen zusätzlich bereichert wird.

Buchinfos:
Hardcover, Diogenes Verlag, 192 Seiten




Maja Lunde
Die Geschichte der Bienen
Roman

Spätestens seit dem großartigen Dokumentarfilm „More than honey“ ist der Anblick einer Honigbiene und das Summen in unserem Apfelbaum nicht mehr alltäglich. Das weltweite Bienensterben beunruhigt, milde gesagt. Dass eine norwegische Autorin daraus einen Roman gemacht hat, hat mich interessiert. Und anscheinend hat sich Maja Lunde auch von diesem Film inspirieren lassen, denn die Figuren wirken wie aus der Dokumentation gefischt. In drei wechselnden Perspektiven, Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart erzählt sie von anfangs scheinbar noch zusammenhanglosen Schicksalen, die alle mit der Bienenzucht zu tun haben. Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts gibt es keine Bienen mehr, die Menschen imitieren sie, klettern auf die Bäume und bestäuben sie, was allerdings heute (im obengenannten Dokumentarfilm gezeigt) in China schon Alltag ist. Warum musste dass dann in die ferne Zukunft gelegt werden, fragte ich mich beim Lesen. Auch kommen die Geschichten nur schwer in Gang, man braucht Geduld und Konzentration, um einen roten Faden oder die Spur der Bienen zu erkennen. Es geht um die Sprachlosigkeit in Familien, innere Monologe reihen sich aneinander. Wie in einem Kurzgeschichtenband fängt man fast mit jedem Kapitel eine neue Geschichte an, muss sich beim Lesen auf neue Figuren und Handlungsstränge einlassen. Die Bienen sind nur Metaphern für die Menschen, die emsig, um ihren Nachwuchs besorgt, versuchen das Beste aus ihrer kurzen Lebensspanne zu machen. Das ist bedrückend, leider aber auch wenig spannend oder berührend umgesetzt.  


Buchinfos:

Hardcover, btb Verlag, 514 Seiten





Anthony McCarten

Licht

Roman

Eine meiner absoluten Leselieben ist dieses Buch. Ein Roman über den Erfinder der Glühbirne, Thomas Alva Edison, und seinen Sponsor, einen Millionär, den eine riesengroße Nase ziert. Ein Roman zum Lachen, Staunen, darin Versinken. Der Autor Anthony McCarten, der schon viele großartige Romane (Superhero, Englischer Harem u. a.) geschrieben hat, erfindet sich wieder neu beim Schreiben. In einer ganz eigenwilligen Sprache und wunderbaren Szenen beschreibt er das Ringen um Erfindungen, die wir heute gar nicht mehr als solche wahr nehmen. Da wird ein Name für eine automatische Kleiderverschlussvorrichtung gesucht: „Etwas Reißerisches brauchen wir...“ Es dauert bis aus diesem „umgekehrten Pflug“, der Reißverschluss wird. Dabei hat ihn Edison gar nicht erfunden, ein junger Bewunderer vertraut ihn ihm an, in der Hoffnung, dass auch etwas Ruhm auf ihn abfalle. Edison selbst ist inzwischen taub und schlägt die Zähne in den Tisch, um durch die Vibrationen akustische Informationen aufzunehmen. „Das kleinste Grummeln war ein Erdbeben.“
Als der Millionär J. P. Morgan ihn besucht, glaubt er, der Banker wünsche seine abartig große Nase, mit Strom zu behandeln. Der Gesichtserker nässt nämlich wie ein Blumenkohl, führt fast wie ein kleines Tier ein Eigenleben im milliardenschweren Gesicht und wirkt erotisch auf Frauen. Wegen letzterem hat Morgan natürlich keineswegs vor seine Nase zu verkleinern. Er hat es auf die Glühbirne abgesehen, mit ihr will er nicht nur Europa (!), sondern sogar New York in elektrisches Licht tauchen. Was zu diesem Zeitpunkt eine ganz und gar utopische Vorstellung ist, besagte Birne brennt bis dahin nur knapp zwei Stunden. Der Roman ist gespickt mit  solch originellen Einfällen und damit ein fulminantes Lesevergnügen und kurz, ein Meisterwerk.


Buchinfos:
Hardcover, Diogenes Verlag, 370 Seiten





Jussi Adler Olsen
Selfies
Thriller

Carl Mørck vom Sonderdezernat Q. in Kopenhagen ist nicht gerade der motivierteste Kommissar der Kriminalliteratur. Am liebsten legt er doch einfach nur die Füße auf den Schreibtisch und lässt den Tag an sich vorüberziehen. Was seinen Vorgesetzten natürlich ein Dorn im Auge ist, denn die Aufklärungsrate des Dezernats lässt zu wünschen übrig. Darum soll die Einheit abgeschafft werden. Im Dreierteam neben Carl Mørck bangen also der vorlaute ehemaligen syrischen Putzmann, der sich zum Starermittler und eloquenten Wortjongleur gemausert hat: Assad und die kränkelnden Sekretärin und alt wirkende, aber jung benannte Frau für alles: Rose, um ihren Job. Der Leser dagegen bangt um Spannung. Es dauert bis in dem knapp sechshundert Seiten Werk etwas Krimimäßiges passiert. Der Roman beginnt mit einer Reihe scheinbar unzusammenhängender Geschichten. Drei Frauen einer Familie in Hassliebe verbunden, eine Verschwörung unter Freundinnen und eine Frau, die sich im Autoaufbrechen übt.
Probleme gibt es, eine Leiche hie und da, aber nichts deutet auf einen konkreten Fall hin. Dann als Mørck endlich auftritt, entpuppt sich auch dieses Kapitel als, wenn auch witzig, so doch nicht handlungsrelevant. Überhaupt ist der Humor in dieser Reihe sehr eigen, das hat mir bisher großen Spaß gemacht, aber nur im Zusammenhang mit besonders spannenden, berührenden Fällen. Auch wenn Rose hier ihren großen Auftritt hat, so fehlte mir diesmal der große Handlungsbogen, der mich mit mindestens einer der Figuren mitfiebern lässt. Von einem Thriller ist das Buch dieses Mal leider weit entfernt.

Buchinfos:

Hardcover, dtv Verlag, 576 Seiten




Marlis Maehrle

Unikat, Handgemachte Bücher binden & gestalten


Bücher selber machen. Diesmal geht es nicht um den Inhalt, sondern um das noch leere „dreidimensionales Speichermedium“, Buch genannt, das hergestellt wird. Marlis Maehrle beginnt mit einer kurzen Geschichte über die Erfindung des Buches, benennt die einzelnen Teile des „Lese- oder Bildträgers“ (vom Buchblock über den Rücken zum Fußschnitt). Danach wird das Werkzeug eines Buchbinders vorgestellt und bei der Papierauswahl und –verwendung beraten. Wir erfahren wie richtiges „Falzen“ geht und „kontrolliertes Reißen“, lernen Buchdeckel beziehen, und werden auf diese Weise in den Grundtechniken der Buchherstellung ausgebildet. Illustriert sind die Seiten mit tollen Fotos. Die Bücher, die in den vielen Projekten entstehen, sind eine Augenweide und regen die Fantasie an, aus dem eigenen Fundus zu schöpfen. Da werden besondere Teeschachteln zu Buchdeckeln, gepresste Blätter zu Schmuckelementen, Briefumschläge zu einzigartigen Notizbüchern. Die besonderen Falttechniken und ungewöhnlichen Klappen inspirieren zu ungewöhnlichen Geschenkideen. Und warum sich am Ende nicht selbst mit einem handgemachten Notizbuch/Gästebuch/Tagebuch oder Fotoalbum beschenken?!


Buchinfos:
Hardcover, mit vielen farbigen Abbildungen, Haupt Verlag, 192 Seiten






Jesper Juul 
Liebende bleiben
Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken

Das neue Buch von Jesper Juul enthält aufgezeichnete Therapiegespräche
unglücklicher Eltern. Die Paare gehen zum ihm, weil der Sprössling Probleme macht, aber wie so oft, spiegeln die Kinder nur die Beziehungsprobleme der Eltern. Jesper Juul hört zu, hinterfragt, analysiert. Dabei bietet er an, den Blickwinkel zu ändern, lenkt aus den verfahrenen Alltagssituationen zurück zu den Anfängen der Liebesbeziehung des Paares. Wie war das damals, noch ohne Kind und was hat sich seither verändert? Lieben sich die Eltern, fühlt sich auch das Kind geborgen und braucht nicht zu vermitteln, um Aufmerksamkeit buhlen, auszugleichen. So wie Elternsein nie endet, hört auch das Füreinander Dasein, Zuhören, Aufmerksamsein und vor allem Miteinandereden als Lebens- und Liebespartner nie auf. Oder sollte es zumindest. Oft erfahren die Partner in diesen Therapiesitzungen erstmals Dinge voneinander, die zuhause nie ausgesprochen wurden. Trotz Familienstress braucht es Freiräume für die Beziehung, das tut allen Beteiligten gut. Jesper Juul bietet mit seinem Einfühlungsvermögen Auswege und Lösungen an.
Ein Buch zum Identifizieren, Diskutieren, als Anregung und Inspiration für geplagte Eltern, die vor lauter Problemen an der Kraft der Liebe zweifeln.  

Buchinfos:
Hardcover, Beltz Verlag, 256 Seiten







Cameron Bloom & Bradley Trevor Greive
Penguin Bloom
Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete



Hinter den zauberhaften schwarz-weiß Fotos, der Freundschaft einer australischen Elster mit einer kinderreichen Familie, die vom Titelbild an sofort gefangen nehmen, verbirgt sich ein tragisches Schicksal. Die Frau, des Autors Cameron Bloom verunglückte auf einer Reise und verlor beide Beine. So ist die Geschichte eines Wildtieres, das sich an die Menschen anpasst, eine Metapher für den Menschen, der sich zurück ins Leben kämpft. „Jeder Tag war wie ein Begräbnis“, Zitat S. 92. Wie das aus dem Nest gefallene und verletzte Vogeljunge, das die Familie Penguin Bloom nennt, muss Sam Bloom, die Ehefrau des Fotografen und Mutter von drei Jungs die Kraft finden, um weiterzuleben. Die junge Elster fügt sich in den Familienalltag, ja, verhält sich wie ein Menschenkind, kuschelt sich zum Beispiel in die Armbeuge, wenn ihr vorgelesen wird, schläft auf dem Rücken, die Beine von sich gestreckt.

Die einmaligen Bilder, dazu die nachdenklichen, poetischen Texte berühren von der ersten Seite an. Penguin rettet nicht nur die Familie Bloom, er weitet auch das Herz jedes Lesers und Betrachters und macht dieses Buch zu einem Gesamtkunstwerk.

Buchinfos:

Hardcover, durchgehende Abbildungen, 210 Seiten, Knaus Verlag, 2016



Martina Baumbach
Ab heute wird’s wild und gefährlich
Roman für Kinder
Mit Bildern von Katrin Engelking



Katze Molly kennt die Welt bisher nur durch den Blick aus dem Wohnungsfenster oder aus den Geschichten, die ihr das Frauchen vorliest, aber als ihre Dosenöffnerin ins Altersheim muss, entkommt sie auf dem Weg ins Tierheim und flüchtet in den Wald. Anstelle des vertrauten Katzenkörbchens droht von überall Gefahr. Und dann müssen Leben gerettet werden, egal ob normalerweise Beute. Dank Mollys Erzählkunst mit ein bisschen Flunkern steckt sie bald mitten in spannenden Erlebnissen. Sie wird für eine Weltreisende gehalten, deren Rat und Hilfe bei den anderen Tieren gefragt ist.
So bringt die Katze ihre Menschenkenntnis in die Waldtierwelt und schmiedet mit ihren neuen Freunden einen Plan, gegen die Bedrohung anzukämpfen und den Wald zu retten.

Gekonnt wie in all ihren Kinderbüchern erzählt Martina Baumbach eine liebevoll-witzige Tiergeschichte, die garantiert beim Vorlesen und Selberlesen großen Spaß macht.  Die feingezeichneten schwarz-weißen Illustrationen von Katrin Engelking laden zusätzlich zum Schmunzeln und Entdecken ein.

Buchinfo:
Thienemann Verlag, Hardcover, 224 Seiten, s/w illustriert, erschienen am 21.03.17
Website der Autorin Martina Baumbach: www.martinabaumbach.de





Julia Shaw
Das trügerische Gedächtnis
Wie unser Gehirn Erinnerung fälscht

Jeder formt sich die Wirklichkeit so, wie er sie braucht oder aushält. Wir alle sind blind, blenden Unangenehmes aus oder verschönern es, damit wir es aushalten. Auf der anderen Seite bauschen wir auf, dramatisieren die Wahrheit, vermischen sie mit Gefühlen, Werten und Erfahrungen. Ein trügerisches Gedächtnis macht es Tätern leicht und Opfern schwer, aber besonders verfälscht es die Aussagen von Zeugen und damit die Gerichtsurteile. In diesem Buch erhält der Leser einen spannenden Einblick in den Alltag der englischen Kriminalpsychologin und Autorin Julia Shaw. Anhand von Beispielen zeigt sie wie es gelingt, das eigene Gedächtnis zu manipulieren. Das klingt gruselig, ist aber auch verblüffend.
Ein komplexes Buch, das den Leser fordert und fördert. Mit Ausflügen in die Neurobiologie stellt Shaw speziellen Gedächtnisleistungen, z. B. der Inselbegabten oder  von Autisten vor.  Gegen Ende zeigt sie wie es dem Leser oder der Leserin mit Hilfe von Übungen trotz allem gelingen kann, sich unverfälscht zu erinnern.
Dies ist das Sachbuch für alle Krimifans, die tiefer in ihr Gehirn einsteigen möchten.  
Passend zu „Das Buch der Spiegel“, den Thriller, den ich hier auf meinen Blog bereits vorgestellt habe.

Buchinfo:
Hardcover, 302 Seiten, Hanser Verlag, 2016

 


Werner Siefer
Der Erzählinstinkt
Warum das Gehirn in Geschichten denkt

Die Frage, warum unser Gehirn in Geschichten denkt, habe ich mir noch nie gestellt. Als Schriftstellerin hoffe ich, dass mein bewusstes Unbewusstes (oder umgekehrt) es unendlich lange tut und freue mich darüber. Trotzdem hat mich der Titel gereizt und ich war neugierig mehr über den „Erzählinstinkt“ zu erfahren. Anfang, Mitte, Schluß. Spannungsaufbau, Spannungsbogen. Der Autor pflanzt Bäumchen für Bäumchen einen Geschichtenwald für uns Leser und zieht uns vom Bibelwort des Anfangs, über Lagerfeuerabenteuergeschichten über weite Verzweigungen der Weltliteratur. Werner Siefer wandert von persönlich Alltäglichem, das jeder ersinnt, einem Brief zum Beispiel, der dem Erlebten einen festgesteckten Rahmen gibt, bis zu den Bräuchen der Völker und der mündlichen und schriftlichen Kunst des Erzählens. Für den Leser offenbart sich ein unerschöpfliches Werk mit vielen Denkanstößen. Es lädt ein, nicht nur bei seinen Verwandten, Freunden und bei sich selbst weiterzuforschen, sondern auch in der Literatur, Psychologie und Kunst. Ob Blogbeitrag, Roman oder Vortrag, ob Urlaubsbeschreibung, Biografie oder Problemlösung. Beim Erzählen kommt es letztendlich darauf an, wie man etwas erzählt, und nicht was. Ein feinsinniges Buch für alle, die Inspiration suchen.

Buchinfo:
Hardcover, 272 Seiten, Hanser Verlag, 2015




E. O. Chirovici
„Das Buch der Spiegel“
Roman


Das Cover verheißt einen Schauerroman. Es zeigt eine rotverfärbte Burg, die sich über den Schutzumschlag zieht. Ein Bild, das aus einem nächtlichen Traum gegriffen sein könnte. Anders als erwartet geht es aber im Roman nicht um eine Geistergeschichte in einem englischen Schloss, sondern um Gedächtnis und Erinnerung. Ein Literaturagent fischt ein unverlangtes Manuskript aus dem Stapel der täglichen Einsendungen und nach der üblichen Leseprobe will er unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht. Nicht nur das, er hält den Inhalt des Textes, auf Grund des Anschreibens für wahr. Doch den Verfasser ausfindig zu machen, gelingt nicht so einfach. Als er erfährt, dass der Autor verstorben ist, stellt er Nachforschungen an, engagiert sogar einen Privatdetektiv. Dann wechselt die Perspektive und aus einer anderen Sicht wird erzählt. So erfährt man nach und nach die Geschichte aus den Erinnerungen der anderen Beteiligten. Ein gelungenes Spiel mit Wahrheit und Gedächtnis, ein verschachteltes Verwirrspiel. Beim Lesen fragte ich mich mehrmals, wo die Wahrheit liegt, und was ich davon glaube. Erinnerungen verformen sich, werden angepasst, besonders traumatische Erinnerungen werden modifiziert. Unser Gehirn ist mit einem Papierkorb ausgestattet, es entfernt, was nicht passt, heißt es an einer Stelle. Der Roman ist bis zum Schluss spannend, hat schöne Metaphern und Szeneneinfälle. Das Buch der Spiegel ist ein rundum gelungener Roman, und man darf gespannt sein, was der Autor als nächstes ausheckt.  


 Buchinfos:
Hardcover, 321 Seiten, Goldmann Verlag



Friedrich Karl Waechter
„Vollmond“
farbig illustriertes Gedicht

Die Bilder von F. K. Waechter sind wie immer ein Hochgenuss, auch posthum. Der große Künstler prägte auch mein Illustratorenleben mit seinem flotten, frechen, aber auch liebevollen Strich. In diesem handlichen Büchlein sind seine sehr schönen Bleistift-Aquarell-Illustrationen zu einem Gedicht eines unbekannten Berliner Dichters in Dialekt zu sehen. Am besten man legt erst einmal die Hand über die Bilder und liest anfangs nur die Verszeilen, um so größer ist der Spaß, welch verblüffende Einfälle F. K. Waechter hat. Es geht schon bei „Ick sitze hier ...“ los. Dieser „Ick“ sitzt nicht auf einem Stuhl, sondern im Bett, bis zum Hals zugedeckt, und schielt auf die Klopse, die neben ihm auf dem Nachttisch stehen und erst beim Umblättern eine Rolle spielen. Waechter interpretiert den Text auf eigenwillig-ungewöhnliche Weise, bei „Ick kieke, staune, wundre mir“ vergräbt sich der Held in den Kissen und lurt mit großen Augen am Betrachter vorbei aus der Bettdecke. Der Zeichner spielt auch mit den Perspektiven, mal in Großaufnahme, mal aus der Ferne. Und am Ende kommt sogar noch die Liebe dazu. Kurzum ein Büchlein, das fröhlich macht und ein prima Mitbringsel.  

Buchinfos:
Hardcover durchgehend farbige Zeichnungen, 41 Seiten, Diogenes Verlag



Deana Zinßmeister 
"Das Lied der Hugenotten"

historischer Roman



Mit Spannung habe ich Deana Zinßmeisters neuen Roman erwartet und jetzt mit großer Begeisterung zu Ende gelesen. Dieses Mal geht es um die grausame Bartholomäusnacht in Paris 1572, in der die Hugenotten zu tausenden ermordet wurden. Das Ganze ist aus der Sicht von ein paar Figuren erzählt. Sobald ich die  hochschwangere Catherine und ihrem fünfjährigen Sohn Pierre kennengelernt hatte, bangte ich mit ihnen. Werden sie einen Ausweg aus dem in Mordlust brodelnden Paris finden? Auch der kleine Olivier hat ein schweres Los. Seine Mutter liegt auf dem Sterbebett und bittet ihn eine Zeichnung von ihr anzufertigen, die er fortan als einzige Erinnerung bei sich trägt. Später wird er zwar für dieses Bildnis ausgelacht, doch dann schmückt eine Höhle mit Wandmalereien, was zu einer meiner Lieblingspassagen im Roman gehört.
Deana Zinßmeister erschafft sehr schöne Bilder und Szenen und lässt hautnah mitfühlen, was Flucht bedeutet. Kunstvoll bringt sie uns Lesern persönliche Schicksale inmitten von historischen Fakten nahe. Außerdem erklingt in jedem Kapitel die Hugenotten-Melodie.
Wie immer hat die Autorin genau recherchiert, so erfährt der Leser nicht nur die historischen Zusammenhänge der Glaubensverfolgung, die Eigenheiten des Hugenotten-Glaubens, sondern auch alles über das Glasbläserhandwerk, das den Hugenotten im Roman das Auskommen sichert. „Die Glasmacherkunst wird die letzte unter allen Künsten in der ganzen Welt sein! Denn wenn Gott dieses Weltgebäude durch die Gewalt des Feuers verzehrt, so wird alles zu Glas werden.“  


Buchinfos:
Taschenbuch, 576 Seiten, Goldmann Verlag



Verena Petrasch

"Sophie im Narrenreich"

Roman ab 11 Jahre



In jedem steckt ein Narr, doch bis Sophie das herausfindet, hat sie fantastische Abenteuer mit Spaß, Gefahren, Wundern und Rettungsaktionen vor sich. Gerade zwölf geworden, muss sie sich damit auseinandersetzen, für was sie laut ihrer Mutter und ihres fünfzehnjährigen Bruders auf einmal zu alt geworden ist. Wenn die Sachen, die als Kind Spaß gemacht haben, plötzlich tabu sind, dann muss das Erwachsenwerden doch stinklangweilig sein. In Pfützen springen zum Beispiel. Oder Kinderbücher lesen. Aber dann entdeckt Sophie in ihrem Schrank einen Narren, den sie eigentlich gar nicht sehen dürfte. Kein Faschingsnarr, sondern ein quirliger, blauhaariger Kerl, der Gedankenstücke aus der Luft greift, die es dort, wo Menschen sind, wie Sand am Meer gibt. Sie lernt fliegen und begegnet in der fantastischen Welt mit Hilfe ihrer „Gedankenritte“ überraschenderweise einer nahen Verwandten, die selbst eine Närrin ist, und die ihr die Wahrheit über ihre Familie erzählt. Bald wandelt Sophie zwischen dem Narrenreich und der Wirklichkeit.
Die junge Autorin Verena Petrasch ist laut Biografie um die Welt gereist, um diesen ersten Roman zu schreiben. Sie hat aber auch eine Lesereise hinter sich, denn es gibt Anklänge an „Alice im Wunderland“, „Mio, mein Mio“ und einige weitere Klassiker der Kinderliteratur. Und sie hat sich auch mit Psychologie und dem „inneren Kind“ auseinandergesetzt.
Bis die Hauptfigur Sophie den Schwarznarr Kiéron besiegt und ihrer Mutter hilft, den Narren in sich, wiederzufinden, sprüht die Geschichte vor lustigen Einfällen, die bestimmt nicht nur Kindern, sondern auch älteren Vorlesern Spaß machen werden. Am Ende beschenkt uns die Autorin alle mit einem
Regenbogen-Glücksmoment-Feuerwerk.

Besonders gut gefällt mir übrigens auch das Cover, gestaltet von Max Meinzold.

Buchinfos:

Hardcover, 536 Seiten, Beltz & Gelberg Verlag


Hanya Yanagihara

„Ein wenig Leben“

Roman


Eine lebenslange Männerfreundschaft kündigt der Klappentext an, das Cover assoziiert Schmerz oder Trauer. Offenbar leidet der junge Mann. Hat er Kummer, betrauert er jemanden? Ein wenig Leben. Der Gesichtsausdruck steht im Widerspruch mit dem einfachen Titel. Dies alles machte mich neugierig und ich begann mit großen Erwartungen zu lesen. Aber es dauerte, bis ich in den Roman hineinfand. Anfangs schien mir die Wohngemeinschaft der jungen amerikanischen Männer zu beliebig, auch wenn sie über Talente verfügen, Schauspieler, Maler, Architekt. Sie machen sich Hoffnungen auf Erfolg, waren neugierig, ja begierig auf ihr Leben. Erst nach und nach kristallisierte sich unter ihnen eine Figur heraus. Jude. Er ist der einzige, der anders ist als die anderen, der keine Vergangenheit und keine Zukunft zu haben scheint. Mit ihm lockt die Autorin. Immer enger zieht sie die Kreise um ihn, bis sich schließlich alles nur noch um ihn dreht. Die anderen Lebensgeschichten verblassen gegen sein einzigartiges Schicksal, das er vor den anderen verbirgt. Keiner seiner Freunde weiß von Jude’s Geheimnis. Als Kind musste er unvorstellbare Grausamkeiten erdulden. Seither lebt er mit dem Schmerz und den Folgen der Gewalt. Er trägt das Wissen in sich, dass er nicht liebeswert ist, egal, wie oft ihm seine Freunde das Gegenteil beteuern. Und trotzdem hat er es zum gefeierten Staranwalt geschafft, denn – „er wollte über die Mittel verfügen, sich zu verteidigen; er wollte sicherstellen, dass ihm niemand mehr je etwas anhaben konnte -“  (S. 171).
Wie hat er es geschafft, von ganz unten, dem Kind, das sich wertlos fühlt, von allen benutzt und ausgenutzt wird, auf die grausamste Art vergewaltigt und gedemütigt wurde, es zu Bildung und Ansehen zu bringen? Und warum fügt er sich weiterhin selbst Schmerzen zu?
Es war unmöglich, den Gesunden die Logik der Kranken zu erklären, und er hatte nicht die Kraft, es zu versuchen. (S. 321)
Frauen spielen im Roman nur eine Rolle im Nebensatz. Es geht um Männerbeziehungen und den Umgang mit Nähe, der oft in Gewalt ausartet. Aber vor allem geht es um Freundschaft, die stärker als eine Liebesbeziehung sein kann. „Warum fanden die Leute solche Freundschaften bewundernswert, wenn man siebenundzwanzig war, aber suspekt, wenn man siebenunddreißig war? Warum zählte eine Freundschaft weniger als eine Beziehung? Warum nicht sogar mehr? Zwei Menschen, die Tag für Tag zusammenblieben, nicht durch Sex oder körperliche Anziehung, nicht durch Geld, durch Kinder oder gemeinsamen Besitz aneinander gebunden, sondern allein durch das gegenseitige Einverständnis, zusammenzublieben, das gemeinsame Bekenntnis zu einer Verbindung, die sich jeder Festschreibung entzog.“ (S. 303)

Und wie hält man es aus, wenn man die Wahrheit über das Leid des geliebten Freundes erfährt? „...dreimal wird er sich entschuldigen, ins Bad gehen und sein Gesicht im Spiegel studieren und sich in Erinnerung rufen, dass er nur den Mut finden muss, zuzuhören, auch wenn er sich die Ohren und Jude den Mund zuhalten will, um den Geschichten ein Ende zu bereiten.“ (S. 713)

Erst auf den letzten Seiten darf Jude das sein, was ihm von klein auf verwehrt wurde. Er wird wütend, zornig, bockig, traurig, widerspenstig und hat zugleich große Angst, dass er Ablehnung und wieder Gewalt erfährt. Dabei braucht es so wenig, um die Angst und das Leid zu beenden. Nur einen guten Freund. Und trotzdem scheint der unerreichbar. „Nicht die Verlorenen sind es, die man besucht, sondern die Menschen, die nach den Verlorenen suchen.“  (S. 875)

Melancholisch, märchenhaft, grausam realistisch, traurig, zärtlich und sehr berührend. Ein ungewöhnlicher Roman, der wie alle großen Geschichten mit nichts zu vergleichen ist, den man sich erschließen muss, um reich beschenkt zu werden.

Buchinfos:

Hardcover, 960 Seiten
Hanser Berlin Verlag
erschienen am 30.01.17





Donal Ryan

Die Gesichter der Wahrheit
Roman


Die erste Seite zog mich in den Bann. Die Hassliebe eines Sohnes zu seinem greisen Vater. Kaum tauchte ich in die Schilderungen des Ich-Erzählers ein, wechselte die Perspektive in eine völlig andere Ich-Erzählung. Das geht kapitelweise so weiter, das ganze Buch über. Die Intrigen, Schicksale, Machenschaften in einer irländischen Kleinstadt lesen sich wie 21 Kurzgeschichten. Es geht um Existenzen, die nach der Finanzkrise zurechtkommen müssen. Auch wenn das nach einem nüchternen Thema klingt, erzählt der Autor Donal Ryan hautnah und authentisch. Es geht um den einzelnen und wie jeder versucht einen Ausweg aus der Not zu finden. Nach und nach entstand in meinem Kopf ein Gesamtbild, aus vielen Puzzlesätzen zusammengelegt. 21 Wahrheiten und Lügen, Träume, zerschlagene Hoffnungen. Und am Ende ist alles mit allem verwoben. Ich musste dranbleiben beim Lesen, um die Zusammenhänge durch lange Lesepausen nicht zu vergessen. Manchmal unterschieden sich die einzelnen Stimmen, trotz flapsiger Sprache zu wenig voneinander, das erforderte Konzentration. Aber alles in allem, ein ungewöhnliches, aber gelungenes Buch, für Leser von „Tannöd“ und Fans von vielstimmigen Romanen.

Buchinfos:
Diogenes Verlag
Hardcover Leinen
256 Seiten

erschienen am 28. September 2016



Nathan Hill 
Geister
Roman


Nach dem großartigen Anfang geht es genauso gut weiter. Über 850 Seiten lang. Die Geschichte von Samuel, der von seiner Mutter verlassen wird. Ihr zuliebe will er Schriftsteller werden, bevor sie ging, versprach sie, alles von ihm zu lesen, was er schreibt. „Dein Schriftstellertum war somit der einzige Weg, deine Mutter zu erreichen, eine einseitige Kommunikation, wie ein Gebet.“ Allerdings klappt es mit dem Schreiben nicht so, wie Samuel es sich vorstellt. Nach dem Erfolg seines Debütromans hat er eine Schreibblockade und wird Literaturprofessor. Dann, mit dreißig, macht ihm eine lernunwillige Studentin das Leben schwer und alles gerät aus den Fugen. Sein Verlag will ihn verklagen, weil er den hohen Vorschuss für den zweiten Roman verprasst hat, ohne ein Manuskript abzuliefern. Also sucht er nach einer erzählenswerten Geschichte und nimmt die nächstbeste, die, die gerade Schlagzeilen macht. Der Steinwurf auf einen Präsidentschaftskandidaten, und die Steinwerferin ist Samuels Mutter.


Bezüge zum aktuellen Amerika liegen nahe, doch das Buch ist sehr viel persönlicher.
Der Autor erzählt von Menschen mit besonderem Charakter vor genau recherchiertem, historischen Hintergrund. Die politischen Kämpfe in dem Roman handeln von der 68’ er Bewegung. Vietnamkrieg, Feminismus, sexuelle Selbstbestimmung. „Es heißt, bei der sexuellen Revolution geht es nicht wirklich um Sex, sondern um Scham.“
Die Hippiezeit also, der mit brutaler Polizeigewalt begegnet wurde, damals in einem Park in Chicago 1968. Und von den Folgen bis in die Gegenwart. Alles ist miteinander verbunden, auf unerwartet kunstvolle und überraschende Weise.

Wie es sich für einen guten Buchtitel gehört, ist er nicht bloß Staffage, sondern durchzieht die Geschichte. Ein norwegischer Hausgeist hat seinen Auftritt, er verlieh dem Buch mit „The Nix“ den englischen Originaltitel. „Bei uns im Keller gab es einen Geist. Einen Hausgeist. Ich habe ihn beleidigt, und jetzt verfolgt er mich.“
Aber auch der Geist einer Bewegung weht durch den Roman, die Begeisterung für Sachen, die andere nicht verstehen können, Mitgefühl wird geisterhaft, und allem voran schwebt eine großen Liebe durch die Seiten. „Du stellst dir vor, dass sie deine Liebe zwischen den Zeilen des Briefs erspüren kann, geisterhaft, genau jenseits des Begriffsvermögens ihrer Eltern.“ Weil die Hauptfigur ein Schriftsteller ist, experimentiert der Autor mit Perspektiven. Ein bewährter Schreibtipp, um seine erfundene Figur in einem Roman näher zu kommen, ist, sie einen Brief verfassen zu lassen. Das macht Nathan Hill in der „Du“-Perspektive.
Er spielt mit der Erzählform selbst, unterbricht an spannenden Stellen und schreibt: „Um Ja zu sagen, blättere auf die nächste Seite...“ Aber er verarbeitet auch die typischen Floskeln, dass Jedermann ein Buch schreiben könnte, es schon im Kopf habe, es fehle bloß die Zeit, um es aufzuschreiben. Nathan Hill spinnt diese Aussage weiter, hängt sie einer Figur an, erschwert diesem Möchte-gern-Schreiber den Alltag und macht ihn am Ende zum Retter der Hauptfigur.

In meinem langen Leseleben habe ich bisher selten so lange für ein Buch gebraucht wie für „Geister“. Aber nicht, weil ich mich durch die Seiten quälte, sondern weil ich jedes Kapitel genoss. Manche Stellen sind zwar lang, aber niemals langweilig. Nicht nur die Charaktere sind eigenwillig, auch die Sprache ist besonders. Nathan Hills Wahrnehmung ist präzise, er beobachtet genau und wählt die bestmöglichen Worte für eigentlich Unsagbares aus. Und darum brauchen wir Romane und Schriftsteller, Literatur ist existenziell.



Eine echte Leseliebe ist dieses Buch: 
Luca Bendandi
Schreibwaren, die Rückkehr von Stift und Papier



Die Renaissance war die Wiedergeburt der Antike. Über Jahrhunderte vergessene Werte wurden im 15. und 16. Jahrhundert neu entdeckt und hervorgehoben. Mit der Renaissance in diesem Buch dagegen sind Alltagsgegenstände gemeint, die noch existieren und die wir als Kind zu bändigen lernten. Nach und nach wurden sie so selbstverständlich, dass sie heute, in der immer virtueller werdenden Welt in Vergessenheit geraten. Die Rede ist von Bleistift, Papier, Büroklammer, Kleber, Notizbuch und Briefumschlag. Als all diese Wunderwerke erfunden wurden, waren sie Kostbarkeiten. Der Schriftsteller Henry David Thoreaux finanzierte zum Beispiel sein erstes Buch mit selbstproduzierten Bleistiften.  
Da wir alle immer weniger mit den Händen arbeiten, kultivieren wir die Alltagsgegenstände. Heute kann man manch besondere Bleistiftsorte, deren Samtheit und Weichheit einst von bekannten Künstlern gepriesen wurde, und die aber nicht mehr produziert werden, einzeln wie Schmuckstücke bei Ebay ersteigern.
Auf der anderen Seite schreibt kaum jemand noch einen Brief mit Füller und Papier, und in den Schulen soll die Handschrift abgeschafft werden. Deshalb ist dieses Buch eine Augenweide und ein Plädoyer zugleich. Eine Fülle an alten und neu zu entdeckenden Schreibutensilien werden nicht nur mit der Geschichte ihrer Entstehung, sondern auch mit Anekdoten rundherum vorgestellt. Wir erleben wie sich der Schwanenkiel, der als erste Schreibfeder diente, in einen Füller mit Wechselpatronen verwandelt. Wir betten unsere Ideen auf Ruhekissen, Papier genannt. Oder wir erfahren was der Radiergummi mit Azteken-Ritualen gemeinsam hat. Dabei besuchen wir internationale Hersteller und exklusive Schreibwarenläden. Bei der nächsten Reise werden nicht nur die üblichen touristischen Sehenswürdigkeiten abgeklappert, sondern auch der ein- oder andere Laden in Stockholm, London oder Mailand vorgemerkt.
Ein Buch für alle, die besondere (Alltags-)Gegenstände lieben. Mit wunderschönen Abbildungen und einem sehr ästhetischen Layout. Jede Seite ist ein Hochgenuss.
Am Ende sieht man nicht nur den Bleistift mit anderen Augen.


Als ich „Schreibwaren“ das erste Mal aufschlug, war ich sofort inspiriert. Die schön angeordneten Bleistifte auf Seite 9 haben bei mir zu dieser Idee geführt:



Buchinfos: Hardcover mit vielen Abbildungen
Erscheinungsdatum:  26. September 2016
Prestel Verlag




Demnächst stelle ich folgende Bücher vor...






Anita Terpstra
„Anders“

Der Titel sprang mir ins Auge. Ich hoffte auf ein Buch über jemanden, der anders ist oder eine ungewöhnliche Geschichte. Die Schwedin Karin Fossum ist eine Meisterin darin, ungewöhnliche Figuren zu erschaffen und den Leser zu verblüffen. Um es vorweg zu nehmen, das ist hier leider nicht der Fall. Das deutsche Debüt einer niederländischen Autorin enttäuscht. Der Anfang gefiel mir, es beginnt, wo andere Thriller enden, das fand ich spannend. Ich dachte an Natascha Kampusch, wie schwer es sein mag, mit solch einem Trauma zurecht zu kommen. Das Cover verrät etwas von einem einsamen Leben im Wald, und der Klappentext spricht von einer ganz normalen, glücklichen niederländischen Familie, deren Leben sich ändert, als der jüngste Sohn Sander mit elf Jahren spurlos verschwindet. Auch der Entführer des Elfjährigen ist tot, auf den ersten Seiten begräbt der nun Siebzehnjährige einen Mann, den er Eelco nennt. Sander ist irgendwo in Deutschland mitten im Wald und kann endlich nach Hause. Auf den weiteren knapp vierhundert Seiten wird von seiner Rückkehr und dem Familienleben danach erzählt. Bis auf einen sprachlich ungewollten Stolperstein „Der tote Mann hatte nie viel über sich erzählt.“, las ich die ersten Kapitel gerne, obwohl ich keiner der Figuren besonders nah kam. Alles geschieht ruhig, unaufgeregt, ein endschleunigter Thriller. Vielleicht gehört auch das zum Anderssein, dachte ich, und las weiter. Nicht nur der heimgekehrte Sohn, auch die Eltern und die große Schwester haben eigene Perspektiven, dazu gibt es kursiv geschriebene Rückblicke, die von der Zeit vor dem Verschwinden erzählen. Aufgelockert durch Vernehmungen von Zeugen, die in reiner Dialogform dargestellt sind. Doch nach und nach beschlichen mich Zweifel, nicht die, die der Klappentext verspricht, sondern an der Konstruktion der Geschichte. Ein totes Kind und noch eines, verdächtige Nebenfiguren, trotzdem blieb der Plot für mich unglaubwürdig. Ein Kind verändert sich in den Jahren von elf bis siebzehn äußerlich nicht so gravierend, dass es die Mutter nicht wiedererkennt. Am Ende gestehen alle alles und doch ist niemand berührt, am wenigsten ich, die Leserin. Schade. 




Buchinfos:
Erscheinungsdatum: 15. August 2016
384 Seiten, Thriller, Taschenbuch

Blanvalet Verlag



Benedict Wells
Vom Ende der Einsamkeit
Roman 

Der erste Satz nahm mich gefangen, zog mich in das Buch hinein. Ich las bis der Ich-Erzähler seine Eltern bei einem Autounfall verlor, dann fragte ich mich, ob ich Lust auf eine Erwachsen-werden-geschichte hatte und legte den Roman eine Weile zur Seite. Doch gedanklich ließ mich die Geschichte nicht los, ich las den Anfang ein zweites Mal, wochenlang später und war plötzlich mitten drin, in den Leben von Jules und seinen Geschwistern.  Wollte wissen, wie sie unabhängig voneinander und dennoch innig verbunden, versuchen, mit dem Verlust der Eltern zurechtzukommen, und ihren Weg zu finden. Bald gingen mir die Einmerker aus, die ich an die schönen Sätze, Absätze und Szenen klebte.
Wieder einmal zeigt sich, dass Kummer auch Glück bringt und oft das eine das andere bedingt. „Das Heim, in das meine Geschwister und ich nach dem Tod unserer Eltern kamen, war keine dieser elitären Einrichtungen mit Tennisplätzen, Hockeyfeldern und Töpfereien, ...sondern ein billiges staatliches Internat auf dem Land...Man gewöhnte sich an dieses Kasernenleben.“ Nur weil Jules nun in ein Internat muss, lernt er Liz kennen und sucht sie als andere Beziehungen scheitern. Und als er sie endlich findet, ist es fast zu spät. Liz lebt mit einem Schriftsteller zusammen, der Jule gerne wäre. Und dann holt ihn der Tod wieder ein. Doch das ist nur ein Handlungsstrang in dem vielschichtigen Buch, auch die Lebenswege von Jules’ Geschwistern sind spannend, als Leserin wollte ich unbedingt wissen, was aus ihnen geworden ist.

Ein Roman über Familie, ein Roman über das Schreiben und Finden von Ideen, ein Roman über Augenblicke und ihre Bedeutung, aufwühlend, berührend, traurig, melancholisch, philosophisch und inspirierend.
Lesen heißt die Einsamkeit beenden.





Sandra Leitte "Winzig", innovative Häuser im Mini-Format:
Ein Geschenktipp, nicht nur für Minimalisten

„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“
In der Einleitung zitiert die Autorin Antoine de Saint-Exupéry und trifft damit den Kern des Buches.
Manche versuchen immer mehr und mehr anzuhäufen, andere probieren das Gegenteil. Es gibt viele Gründe, warum sich Leute entscheiden, materiellen Besitz einzuschränken und auf kleinstem Raum zu leben. Das dies möglich ist und sogar sehr inspirierend, zeigt dieser wunderschön gemachte Bildband von Sandra Leitte, der mich sofort, nicht nur wegen seines quadratischen Formats, angesprochen hat. Nicht nur der Osterhase kann in einem Ei leben, wie das Cover zeigt.  Wie wäre es, wenn beim Teetrinken die Füße im Wasser baumeln? Oder wer mag nicht beim Einschlafen in den Sternenhimmel schauen? Oder doch ein Haus auf Rädern, das mitreist, wohin es den Bewohner auch zieht? Auch der Kindheitstraum, ein Baumhaus, vielleicht ganz aus Bambus, ein leichtes, aber dennoch belastbares Material, lässt sich verwirklichen.

Als wir unser Traumhaus, ein Niedrigenergiehaus ganz aus Holz, konzipierten, überlegten wir auch, es so klein wie möglich zu bauen. Drei Kinder sollten Platz haben und eine Wohnküche war uns wichtig, naja, noch ein Arbeitszimmer und Atelier für mich ..., aber von den Quadratmetern her nicht allzu groß. Ich putze nicht gerne und wir haben nur wenige Möbel, wir mögen es lieber gemütlich nahe zusammen und es schont auch die Stimme, wenn man einander ruft. Trotzdem ist unser Haus im Vergleich mit den Beispielen in dem Buch ein Riese.

Die Autorin hat weltweit fotografiert und erzählt in klugen kurzen Texten die Hintergründe zur Bauweise der winzigen Häuser. Manchmal kann der Leser und Betrachter auch bei der Entstehung dabei sein und sich sogar die Grundrisse ansehen. Wer gerät dabei nicht ins Träumen? Wie wäre es, nicht nur den Urlaub am Strand zu verbringen, sondern gleich im Strandpavillon einzuziehen? Oder ein dreieckiges Häuschen mit einer Schaukel auf dem Dach? Das Buch ist eine Augenweide und eine praktische Anleitung zugleich, es regt an, sich zwischen den Feiertagen, wenn die Geschenkberge weggeräumt sind, selbst eine winzige Wohnhöhle auszudenken.  
Ein Bildband, der glücklich macht und bereichert. Weniger ist mehr!

Buchinfos:
Sandra Leitte
Winzig, innovative Häuser im Mini-Format
Hardcover, 224 Seiten, 17,0 x 17,0 cm
Mit ca. 200 Farbfotos und 40 Grundrissen
ISBN: 978-3-421-04023-7
Verlag: DVA Bildband
Erschienen: 29.08.2016




Sarah Bakewell „Das Café der Existenzialisten“:

ungewöhnlich und inspirierend
Geboren 1932 in einem Pariser Café, von Jean Paul Sartre, Albert Camus, Simone de Beauvoir liebevoll aufgezogen und bis heute aktuell. Der Existenzialismus. Was bedeutet Freiheit? Ist der Mensch jemals wirklich frei? Ein Wesen, das nicht das ist, was es ist, und das das ist, was es nicht ist.“ (J.P. Sartre aus „Das Sein und das Nichts.)

In diesem Buch wird die Entstehung der Philosophie erzählt. Vom Ausgangsort Paris und dem Künstlerpaar Sartre – Beauvoir spannt die Autorin einen mit Persönlichkeiten-gespickten Bogen
bis zu sich selbst und ihren Beweggründen Philosophie zu studieren. Ich begegnete beim Lesen Heidegger, Jaspers, Nietzsche, Kierkegaard, aber auch berühmten Frauen wie Iris Murdoch oder Hannah Arendt, und auch den Lebenspartnern der Philosophen, die sie pflegten, wenn sie krank waren, die für den Lebensunterhalt sorgten, die an sie
glaubten, wenn es sonst keiner tat. Nicht nur die
existenzialistische Denkweise wurde mir nahegelegt, auch das Leben der Künstler und Zweifler ist mit bilderreichen Anekdoten lebendig geworden.
Das Buch ist eine Fundgrube zum Nachlesen, Wiederlesen, Entdecken und irgendwo aufschlagen. Ein Lexikon für Alltagsphilosophen.

Mit vielen s/w Abbildungen. Hardcover, Verlag C. H. Beck



Wolf Haas "Der Brenner und der liebe Gott": 

 Lieblingsbücher
Ob Du es glaubst oder nicht, hat sich der Wolf Haas gedacht. Was ein anderer Autor kann, (Arthur Conan Doyle mit seinem Sherlock z. B.) kann ich schon lange und hat den Erzähler der Brennerromane, der im Vorgängerroman („Das ewige Leben“) eigentlich an der Ding-Krankheit gestorben ist, wiederauferstehen lassen.   

So beginnt der Roman dann, als wäre nie was gewesen, nur das diesmal nicht „jetzt ist schon wieder was passiert“ vorne weg steht. 

Aber interessant, die eigentliche Krimihandlung versinkt ein wenig in den ganzen philosophischen Gedanken und poetischen Wortschöpfungen, genauso wie am Ende der Brenner selbst in eine Scheiße hineingetaucht wird. Buchstäblich, ich kann es nicht anders sagen. 
Und ich sag Dir noch was, aber nur Dir, dem lieben Gott begegnet er auch noch, an einem Ort, wo Du den nun wirklich nicht erwartest.
 Der Brenner hat sich kurz darauf schon gar nicht mehr daran erinnert, sprich nie mehr, und deshalb ist so ein allwissender Erzähler wie ihn der Brenner hat, fast wichtiger wie der Brenner selber. Der blickt in die Köpfe und Herzen und Unterhosen der Leute, das es das reinste Vergnügen ist, Ex-Buchstaben-Leiche hin oder her. Aus der Ding-Krankheit ist eine leichte Zum-Krankheit geworden, das man zuerst dem unschuldigen Lektorat einen Vorwurf hinwerfen mag, aber beim zweiten Mal zum-zum-zum lesen, verstehst auch Du.
 Und welcher Autor hat schon eine eigene Schokoladenmarke, wie der Wolf Haas sie jetzt hat und sogar auf dem Titelbild abdrucken lässt.
 
Quasi für alle Sinne. 

Du musst wissen, dass im ersten Viertel des Buches der Brenner gar nicht der Brenner ist, weil neuer Beruf, trotz seiner detektivischen Vergangenheit und vieler Jahre Polizeiarbeit, (wenn auch nur im Türöffnen einen Vierer).
 Wie der am Anfang heißt und wann er als Brenner auftaucht, musst Du selbst lesen. Ich sag Dir, da lernst Du ihn von einer Seite kennen, die Du nicht erwartest hast, sprich, sanft und fürsorglich, auch wenn es ihm erst hinterher bewusst wurde, als die kleine Helena längst aus seinem Chauffeurauto entführt worden ist und er ..., aber bevor ich dir alles verrate, sage ich nur lies das Ding Ding Ding Ding Ding Ding Ding Ding Ding Ding Ding


Buchinfos: 
Hardcover, Hoffmann und Campe Verlag. 

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