Hier schreibe ich über 
Bücher, anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...





Maja Lunde
Die Geschichte der Bienen
Roman

Spätestens seit dem großartigen Dokumentarfilm „More than honey“ ist der Anblick einer Honigbiene und das Summen in unserem Apfelbaum nicht mehr alltäglich. Das weltweite Bienensterben beunruhigt, milde gesagt. Dass eine norwegische Autorin daraus einen Roman gemacht hat, hat mich interessiert. Und anscheinend hat sich Maja Lunde auch von diesem Film inspirieren lassen, denn die Figuren wirken wie aus der Dokumentation gefischt. In drei wechselnden Perspektiven, Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart erzählt sie von anfangs scheinbar noch zusammenhanglosen Schicksalen, die alle mit der Bienenzucht zu tun haben. Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts gibt es keine Bienen mehr, die Menschen imitieren sie, klettern auf die Bäume und bestäuben sie, was allerdings heute (im obengenannten Dokumentarfilm gezeigt) in China schon Alltag ist. Warum musste dass dann in die ferne Zukunft gelegt werden, fragte ich mich beim Lesen. Auch kommen die Geschichten nur schwer in Gang, man braucht Geduld und Konzentration, um einen roten Faden oder die Spur der Bienen zu erkennen. Es geht um die Sprachlosigkeit in Familien, innere Monologe reihen sich aneinander. Wie in einem Kurzgeschichtenband fängt man fast mit jedem Kapitel eine neue Geschichte an, muss sich beim Lesen auf neue Figuren und Handlungsstränge einlassen. Die Bienen sind nur Metaphern für die Menschen, die emsig, um ihren Nachwuchs besorgt, versuchen das Beste aus ihrer kurzen Lebensspanne zu machen. Das ist bedrückend, leider aber auch wenig spannend oder berührend umgesetzt.  


Buchinfos:

Hardcover, btb Verlag, 514 Seiten





Anthony McCarten

Licht

Roman

Eine meiner absoluten Leselieben ist dieses Buch. Ein Roman über den Erfinder der Glühbirne, Thomas Alva Edison, und seinen Sponsor, einen Millionär, den eine riesengroße Nase ziert. Ein Roman zum Lachen, Staunen, darin Versinken. Der Autor Anthony McCarten, der schon viele großartige Romane (Superhero, Englischer Harem u. a.) geschrieben hat, erfindet sich wieder neu beim Schreiben. In einer ganz eigenwilligen Sprache und wunderbaren Szenen beschreibt er das Ringen um Erfindungen, die wir heute gar nicht mehr als solche wahr nehmen. Da wird ein Name für eine automatische Kleiderverschlussvorrichtung gesucht: „Etwas Reißerisches brauchen wir...“ Es dauert bis aus diesem „umgekehrten Pflug“, der Reißverschluss wird. Dabei hat ihn Edison gar nicht erfunden, ein junger Bewunderer vertraut ihn ihm an, in der Hoffnung, dass auch etwas Ruhm auf ihn abfalle. Edison selbst ist inzwischen taub und schlägt die Zähne in den Tisch, um durch die Vibrationen akustische Informationen aufzunehmen. „Das kleinste Grummeln war ein Erdbeben.“
Als der Millionär J. P. Morgan ihn besucht, glaubt er, der Banker wünsche seine abartig große Nase, mit Strom zu behandeln. Der Gesichtserker nässt nämlich wie ein Blumenkohl, führt fast wie ein kleines Tier ein Eigenleben im milliardenschweren Gesicht und wirkt erotisch auf Frauen. Wegen letzterem hat Morgan natürlich keineswegs vor seine Nase zu verkleinern. Er hat es auf die Glühbirne abgesehen, mit ihr will er nicht nur Europa (!), sondern sogar New York in elektrisches Licht tauchen. Was zu diesem Zeitpunkt eine ganz und gar utopische Vorstellung ist, besagte Birne brennt bis dahin nur knapp zwei Stunden. Der Roman ist gespickt mit  solch originellen Einfällen und damit ein fulminantes Lesevergnügen und kurz, ein Meisterwerk.


Buchinfos:
Hardcover, Diogenes Verlag, 370 Seiten





Jussi Adler Olsen
Selfies
Thriller

Carl Mørck vom Sonderdezernat Q. in Kopenhagen ist nicht gerade der motivierteste Kommissar der Kriminalliteratur. Am liebsten legt er doch einfach nur die Füße auf den Schreibtisch und lässt den Tag an sich vorüberziehen. Was seinen Vorgesetzten natürlich ein Dorn im Auge ist, denn die Aufklärungsrate des Dezernats lässt zu wünschen übrig. Darum soll die Einheit abgeschafft werden. Im Dreierteam neben Carl Mørck bangen also der vorlaute ehemaligen syrischen Putzmann, der sich zum Starermittler und eloquenten Wortjongleur gemausert hat: Assad und die kränkelnden Sekretärin und alt wirkende, aber jung benannte Frau für alles: Rose, um ihren Job. Der Leser dagegen bangt um Spannung. Es dauert bis in dem knapp sechshundert Seiten Werk etwas Krimimäßiges passiert. Der Roman beginnt mit einer Reihe scheinbar unzusammenhängender Geschichten. Drei Frauen einer Familie in Hassliebe verbunden, eine Verschwörung unter Freundinnen und eine Frau, die sich im Autoaufbrechen übt.
Probleme gibt es, eine Leiche hie und da, aber nichts deutet auf einen konkreten Fall hin. Dann als Mørck endlich auftritt, entpuppt sich auch dieses Kapitel als, wenn auch witzig, so doch nicht handlungsrelevant. Überhaupt ist der Humor in dieser Reihe sehr eigen, das hat mir bisher großen Spaß gemacht, aber nur im Zusammenhang mit besonders spannenden, berührenden Fällen. Auch wenn Rose hier ihren großen Auftritt hat, so fehlte mir diesmal der große Handlungsbogen, der mich mit mindestens einer der Figuren mitfiebern lässt. Von einem Thriller ist das Buch dieses Mal leider weit entfernt.

Buchinfos:

Hardcover, dtv Verlag, 576 Seiten




Marlis Maehrle

Unikat, Handgemachte Bücher binden & gestalten


Bücher selber machen. Diesmal geht es nicht um den Inhalt, sondern um das noch leere „dreidimensionales Speichermedium“, Buch genannt, das hergestellt wird. Marlis Maehrle beginnt mit einer kurzen Geschichte über die Erfindung des Buches, benennt die einzelnen Teile des „Lese- oder Bildträgers“ (vom Buchblock über den Rücken zum Fußschnitt). Danach wird das Werkzeug eines Buchbinders vorgestellt und bei der Papierauswahl und –verwendung beraten. Wir erfahren wie richtiges „Falzen“ geht und „kontrolliertes Reißen“, lernen Buchdeckel beziehen, und werden auf diese Weise in den Grundtechniken der Buchherstellung ausgebildet. Illustriert sind die Seiten mit tollen Fotos. Die Bücher, die in den vielen Projekten entstehen, sind eine Augenweide und regen die Fantasie an, aus dem eigenen Fundus zu schöpfen. Da werden besondere Teeschachteln zu Buchdeckeln, gepresste Blätter zu Schmuckelementen, Briefumschläge zu einzigartigen Notizbüchern. Die besonderen Falttechniken und ungewöhnlichen Klappen inspirieren zu ungewöhnlichen Geschenkideen. Und warum sich am Ende nicht selbst mit einem handgemachten Notizbuch/Gästebuch/Tagebuch oder Fotoalbum beschenken?!


Buchinfos:
Hardcover, mit vielen farbigen Abbildungen, Haupt Verlag, 192 Seiten






Jesper Juul 
Liebende bleiben
Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken

Das neue Buch von Jesper Juul enthält aufgezeichnete Therapiegespräche
unglücklicher Eltern. Die Paare gehen zum ihm, weil der Sprössling Probleme macht, aber wie so oft, spiegeln die Kinder nur die Beziehungsprobleme der Eltern. Jesper Juul hört zu, hinterfragt, analysiert. Dabei bietet er an, den Blickwinkel zu ändern, lenkt aus den verfahrenen Alltagssituationen zurück zu den Anfängen der Liebesbeziehung des Paares. Wie war das damals, noch ohne Kind und was hat sich seither verändert? Lieben sich die Eltern, fühlt sich auch das Kind geborgen und braucht nicht zu vermitteln, um Aufmerksamkeit buhlen, auszugleichen. So wie Elternsein nie endet, hört auch das Füreinander Dasein, Zuhören, Aufmerksamsein und vor allem Miteinandereden als Lebens- und Liebespartner nie auf. Oder sollte es zumindest. Oft erfahren die Partner in diesen Therapiesitzungen erstmals Dinge voneinander, die zuhause nie ausgesprochen wurden. Trotz Familienstress braucht es Freiräume für die Beziehung, das tut allen Beteiligten gut. Jesper Juul bietet mit seinem Einfühlungsvermögen Auswege und Lösungen an.
Ein Buch zum Identifizieren, Diskutieren, als Anregung und Inspiration für geplagte Eltern, die vor lauter Problemen an der Kraft der Liebe zweifeln.  

Buchinfos:
Hardcover, Beltz Verlag, 256 Seiten







Cameron Bloom & Bradley Trevor Greive
Penguin Bloom
Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete



Hinter den zauberhaften schwarz-weiß Fotos, der Freundschaft einer australischen Elster mit einer kinderreichen Familie, die vom Titelbild an sofort gefangen nehmen, verbirgt sich ein tragisches Schicksal. Die Frau, des Autors Cameron Bloom verunglückte auf einer Reise und verlor beide Beine. So ist die Geschichte eines Wildtieres, das sich an die Menschen anpasst, eine Metapher für den Menschen, der sich zurück ins Leben kämpft. „Jeder Tag war wie ein Begräbnis“, Zitat S. 92. Wie das aus dem Nest gefallene und verletzte Vogeljunge, das die Familie Penguin Bloom nennt, muss Sam Bloom, die Ehefrau des Fotografen und Mutter von drei Jungs die Kraft finden, um weiterzuleben. Die junge Elster fügt sich in den Familienalltag, ja, verhält sich wie ein Menschenkind, kuschelt sich zum Beispiel in die Armbeuge, wenn ihr vorgelesen wird, schläft auf dem Rücken, die Beine von sich gestreckt.

Die einmaligen Bilder, dazu die nachdenklichen, poetischen Texte berühren von der ersten Seite an. Penguin rettet nicht nur die Familie Bloom, er weitet auch das Herz jedes Lesers und Betrachters und macht dieses Buch zu einem Gesamtkunstwerk.

Buchinfos:

Hardcover, durchgehende Abbildungen, 210 Seiten, Knaus Verlag, 2016



Martina Baumbach
Ab heute wird’s wild und gefährlich
Roman für Kinder
Mit Bildern von Katrin Engelking



Katze Molly kennt die Welt bisher nur durch den Blick aus dem Wohnungsfenster oder aus den Geschichten, die ihr das Frauchen vorliest, aber als ihre Dosenöffnerin ins Altersheim muss, entkommt sie auf dem Weg ins Tierheim und flüchtet in den Wald. Anstelle des vertrauten Katzenkörbchens droht von überall Gefahr. Und dann müssen Leben gerettet werden, egal ob normalerweise Beute. Dank Mollys Erzählkunst mit ein bisschen Flunkern steckt sie bald mitten in spannenden Erlebnissen. Sie wird für eine Weltreisende gehalten, deren Rat und Hilfe bei den anderen Tieren gefragt ist.
So bringt die Katze ihre Menschenkenntnis in die Waldtierwelt und schmiedet mit ihren neuen Freunden einen Plan, gegen die Bedrohung anzukämpfen und den Wald zu retten.

Gekonnt wie in all ihren Kinderbüchern erzählt Martina Baumbach eine liebevoll-witzige Tiergeschichte, die garantiert beim Vorlesen und Selberlesen großen Spaß macht.  Die feingezeichneten schwarz-weißen Illustrationen von Katrin Engelking laden zusätzlich zum Schmunzeln und Entdecken ein.

Buchinfo:
Thienemann Verlag, Hardcover, 224 Seiten, s/w illustriert, erschienen am 21.03.17
Website der Autorin Martina Baumbach: www.martinabaumbach.de