Hier schreibe ich über 
Bücher, anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Markus Orths
Max
Roman

Allein das Cover ist großartig, drei gemalte Buchstaben, das reicht um zu assoziieren, um wen es geht. Der Maler und Bildhauer Max Ernst faszinierte mich von Kindheit an, seine surrealen Bilder, seine Collagen, seine Frottagen. Dann die interessanten Frauen, Peggy Guggenheim, Leonora Carrington, Dorothea Thanning. Meist selbst Künstlerinnen, die seine Geliebten und manchmal Ehefrauen wurden. Jede erhält hier ihren Raum, darf sich entfalten. So hat der Autor, Markus Orths, seine Kapitel nach den Frauen benannt: Lou, Galapaul (in diesem Namen steht Max Ernst’s bester Freund Paul Èluard), Marie-Berthe, Leonora, Peggy und Dorothea.

Dass Markus Orths aus Max Ernst’s Leben einen über 500 Seiten starken Roman gemacht hat, hat mich sofort begeistert. Umspannt doch Ernst‘s Leben beide Weltkriege und Reisen um die halbe Welt. Dieses Buch erzählt von Freiheit, Kunst, Wahnsinn, Heimat, heißt es im Klappentext. Quasi allem, mit dem man sich im Leben auseinandersetzt. Fehlt noch die Familie, die Bindungen, die man eingeht oder durchtrennt. Max Ernst hatte einen Sohn, den er vernachlässigte und bei seiner jüdischen Mutter zurückließ, die 1944 von den Nazis ermordet wurde.


Der Roman beginnt fast am Ende in Amerika, in der Nähe eines Hopi-Reservats, geht zurück in Max Ernst’s Kindheit und sein Werden zum Künstler, die Auseinandersetzung mit dem strengen Vater, der auch ein Maler war. Aber im Gegensatz zu seinem Vater, der versucht die Natur exakt abzubilden, notfalls einen Ast des Modell-Baums abbricht, wenn der nicht zur Komposition passt, malt Max auch die innere Welt. Er malte stets mit einem offenen und einem geschlossenen Auge. Max begegnet den anderen Größen der Malerei der Moderne, u. a. August Macke, der wie er die Kalauer um seinen Nachnamen satthat. „Können heißt Gestaltenkönnen. Das innere Leben der Farben und Linien empfinden.“ (Zitat S. 35) Max Ernst bricht das Kunstgeschichtsstudium ab, verliebt sich in die junge, anerkannte Kunstkritikerin Lou, in das Sommersprossige ihres Wesens. (S. 43) Setzt sich zusammen mit seinem Freund Hans Arp und einer Künstlergruppe mit der Kunst an sich auseinander, wird Miterschaffer des Dadaismus und des Surrealismus. Was genau der Künstler schaffe, sei zweitrangig. Wie er es schaffe, darum gehe es. (S. 45)

Markus Orths lässt das vergangene Jahrhundert wiederauferstehen, mit all seiner Tragik, seinen Grausamkeiten, aber auch mit Hoffnung und Schönheit. Der Autor hat nicht nur genau recherchiert, (s. im ausführlichen Anhang mit endlich mal benutzerfreundlichen Literatur- und Filmhinweisen) er fühlt sich in jede Figur ein, erweckt sie zum Leben. Kein Charakter gleicht dem anderen, jeder hat seine Eigenheiten. Trotz der vielen Seiten, gibt es nichts Überflüssiges in dem Roman, im Gegenteil, man hofft, der Weitsinn und die Fantasie möge auch mit dem Tod von Max Ernst nicht enden. In der Tat, Orths schafft es in den letzten beiden Kapiteln noch zu verblüffen.

Dieser Roman gehört fortan zu meinen Lieblingsbüchern, ein Glück, dass Markus Orths schon viele weitere Romane geschrieben hat, die ich nun lesen werde.

Markus Orths liest aus "Max".

Hier gehts zu weiteren Infos zu Buch und Autor.  

Hanser Verlag, Hardcover, 576 Seiten





Friedrich Ani
Die Ermordung des Glücks
Ein Fall für Jakob Franck
Roman

Dunkel war’s, es regnete unaufhörlich, und der Regen und sein Mittäter, der Wind, verwischten alle Spuren, war’s nicht so? (Zitat S. 37) 
Eigen und genau darum so gut schreibt Friedrich Ani, von dem ich fast alles gelesen habe. Angefangen bei seiner großartigen Süden-Reihe, dann zurück durch seine anderen Romane und auch seine Gedichte, die ich auch sehr mag. Hier schreibt ein Poet und Sprachkünstler Krimis. Genau mein Geschmack. Nach „Der namenlose Tag“, dem ersten Fall mit Ermittler Jakob Franck, entfaltet sich dieser Roman in größtmöglicher Tragik. Ein Kind, der 11jährige Lennard Grabbe ist tot. Der Exkommissar Jakob Franck überbringt den Eltern die Todesbotschaft. Seit seiner Pensionierung übernimmt er immer noch diesen Part für die Polizei. Der Roman handelt von den Auswirkungen, wenn ein Kind stirbt. Bis wir erfahren, wer den Jungen ermordet hat, sind wir mit mehreren Lebensgeschichten vertraut. Tanja Grabbe stand im Kinderzimmer, das keines mehr war.  (S. 54) 
Kunstvoll verzahnt Friedrich Ani die Schicksale, Monologe, Lebensbeichten und Intrigen. Und wir dürfen beim Lesen die Metaphern, Sprachschöpfungen und literarischen Anspielungen genießen, die ungewöhnliche Bilder in uns wecken, den Blick weiten. Jakob Franck beschäftigt sich zum ersten Mal auch mit dem Zusammenprall von Ereignissen unterschiedlicher Verbrechen und fragt sich, ob er darin einen geheimen Hinweis finden kann. Doch bis er „das Fossil“, also das entscheidende Puzzlestück findet, um den Fall des ermordeten Jungen aufzuklären, muss er noch einige Ereignisse einordnen oder wie Ani schreibt „in einen Rahmen bringen.“  
Ani lese man am besten mit einem Bleistift und jede Menge Klebezetteln zum schnellen Wiederfinden der bemerkenswerten Stellen. Ein Buch, das lange nachklingt.

Buchinfos: Suhrkamp Verlag, Hardcover 2017




Hier liest Friedrich Ani die ersten zehn Seiten aus dem Roman. 
Und hier geht es zum Suhrkamp Verlag und weiteren Infos zum Buch. 





Walter Moers
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Roman mit farbigen Illustrationen von Lydia Rode

Wo es für andere hieß, es sei noch nicht aller Tage Abend, sagt Prinzessin Dylia: Es ist noch nicht aller Nächte Morgen. (Zitat, S. 35) Dylia ist rund um die Uhr wach und hält den Hofstaat samt Leibärzten auf Trab. Doch sie macht das beste aus ihrer Schlaflosigkeit, sie fantasiert im positiven Sinne, schöpft und erschafft. Selbst unter den langweiligsten Bedingungen langweilt sie sich nicht. Sie liebt die Sprache und übt sich im Übersetzen, d. h. sie ersetzt ein Wort oder einen Buchstaben durch andere. Oder sie ordnet ihre Träume, was so unmöglich ist wie ein „Hemd unter Wasser bügeln“. (Zitat S. 58) Eines Nachts, als sie gerade ihrer Gehirnmusik lauscht und sich ein Gedicht herbeiruft, passiert es. Ein Nachtmahr hockt auf ihr und nimmt ihr die Luft.
Mir kam die Szene bekannt vor, Moers macht eine Hommage an die Albtraum-Gemälde des Malers Johann Heinrich Füssli (1741-1825). 

The Nightmare von Johann Heinrich Füssli
Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli


Füsslis Nachtmahr hockt wie bei ihm auf einer Frau, mal als Affe, mal mehr als kleiner Mann. Die Illustratorin Lydia Rode zeichnet eine Mischung aus beiden und erschafft den einzigartigen „Havarius Opal“. Der Gnom schildert der übernächtigten Prinzessin in sämtlichen Nuancen wie er sie in den folgenden Seiten in den Wahnsinn treiben wird. Wir, die süchtigen Moers-LeserInnen wissen aber bereits, dass jeder, ob Nachtmahr oder grusliger Opa Metus, sich an Prinzessin Dylia die Zähne ausbeißen wird (sofern vorhanden). Wir waren ja bereits auf den ersten fünfzig Seiten bei ihr zu Gast, tauchten in ihre fantastische Welt voller Gehirnmusik, zamonischer Wortschöpfungen, Träume von A bis Z ein, sodass wir fast mehr um den Nachtmahr bangen, als um die gewappnete Prinzessin. Ihr würde es selbst in Gefangenschaft nicht langweilig werden. Sie kann mit Lichtgeschwindigkeit auf einem Teppich aus gesponnenen Traumfäden durch das Universum reisen, dabei aber völlig entspannt im Lieblingssessel sitzen und mit abgespreiztem Finger perfekt temperierten grünen Tee aus einer hauchdünnenTasse aus florinthischem Porzellan schlürfen. (Zitat, S. 25) Und dann beginnt die abenteuerliche Reise in Dylias Gehirn.

Walter Moers nimmt sich Zeit, entschleunigt  das Lesen. Das ist Schreibkunst vom Feinsten. Für mich war es der erste „Moers“, welch Glück, dass ich jetzt noch so viele Bücher (ob Zamonien oder nicht) vor mir habe. Diesen Roman hat er zum ersten Mal nicht selbst illustriert, er entstand im Austausch mit Lydia Rode. Ihre zarten Aquarelle schillern durch den Text oder schlagen Purzelbäume zwischen den Zeilen. Im Nachwort schreibt er von der seltsamen Krankheit der Illustratorin, Dylia ist wohl nicht zufällig ein Palindrom.

Buchinfos:
Knaus Verlag, Hardcover und Ebook, 338 Seiten





Jens Henrik Jensen 
Oxen, das erste Opfer
Thriller

Anfangs geht es um Hunde, gequält, erhängt oder als treuer Gefährte an der Seite der noch unbekannten Hauptfigur. Die Figuren haben keine Namen. Allein aus dem Geschehen soll der Leser ergründen, um wen es sich dreht, ob „Er“ der gleiche ist, der auch im nächsten Kapitel auftritt. Das verlangt unnötige Konzentration beim Lesen. Auch wenn die Hauptfigur, Niels Oxen, ein ehemaliger Elitesoldat als interessante Figur angelegt ist, beginnt die Handlung für einen Thriller zu schleppend. Oxen, der von seinen Kriegserfahrungen schwer traumatisiert ist, ernährt sich von dem, was die dänische Gesellschaft wegwirft und lebt mit seinem Hund im Wald. Eines Tages beobachtet er ein Verbrechen und wird zum Hauptverdächtigen. Er beginnt selbst zu ermitteln und wird dabei von einer Geheimdienstmitarbeiterin unterstützt. Leider finden die komplexen Handlungsstränge mit stets wechselnden Figuren und Schauplätzen erst spät zueinander. Da dies der Auftakt zu einer Reihe ist, besteht die Chance, dass der Autor im zweiten Teil schneller beginnt und sich nicht in Nebensächlichkeiten verliert.



Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger
Die Romantherapie für Kinder

Vorab eine Warnung: Dieses Buch hat zur Folge, dass Sie sich ein paar Regalmeter mehr für neuen Lesestoff beschaffen müssen!

Wie habe ich mich gefreut, als ich entdeckte, dass das von mir heißgeliebte Buch für Erwachsene „Die Romantherapie“ nun auch für Kinder- und Jugendbücher erscheint. Das Konzept gleicht dem des Vorgängers für Volljährige, für alle Lebensbefindlichkeiten (von Abenteuerlust bis Zwilling: einer sein) gibt es ausführliche Buchvorschläge. Sie lesen sich oft schon in der Empfehlung heilsam, machen neugierig und sind auf jeden Fall immer amüsant. Bei manchen kindlichen „Leiden“ erhalten die Erwachsenen Hilfe, denn wie bekannt, braucht oft der Elternteil eine Therapie und auch das Kind wird gesund. Dazu finden sich Listen mit den zehn besten Bücher zu allem Möglichen, z. B. Bücher übers Briefeschreiben, Bücher für gehörlose Kinder und Jugendliche, Bücher übers Ausreißen usw. Als Vielleser kann man sich eine dieser Themenliste vornehmen und zur Abwechslung mal nach dieser Auswahl lesen, so erhält man viele neue Blickwinkel. Bestimmt ist auch das eigene Lieblingsbuch der Kindheit dabei oder wird wiederentdeckt. "Die Romantherapie für Kinder" und "die Romantherapie" der drei oben genannten Autorinnen sollte in jeder Apotheke auf dem Ladentisch liegen!


Buchinfos:

Insel Verlag, Hardcover und Ebook, 372 Seiten